Freier sind keine Genossen? – und warum das die falsche Frage ist - von Anne Bonny

Das neue Ding einiger cis Männer in der Partei Die Linke

Sie stellen sich hin und erklären, sie gehen nicht zu Sexarbeiter*innen, sie seien kein Freier, sie verurteilen Sexkauf und Freiertum und lehnten es für sich selbst ab. Die Botschaft dahinter: Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin einer der Guten.

Das Problem an dieser Aussage ist nicht, ob jemand tatsächlich ins Bordell oder zu Prostituierten geht oder nicht. Das Problem ist, was diese Distanzierung leistet – und was sie tatsächlich verschleiert.

Wer sich von „den Freiern" abgrenzt, tut so, als wäre patriarchale Gewalt eine Frage individuellen Verhaltens, die man durch die richtige Entscheidung – kein Bordellbesuch – einfach abwählen könnte. Als gäbe es die Guten und die Bösen, und man selbst hätte sich, durch reine Willensleistung, ins richtige Lager gestellt. Das ist nicht nur falsch. Es ist eine Entlastungsstrategie.

Denn die eigentliche Frage, die sich Männer stellen sollten, ist nicht: Gehst du ins Bordell? Die Frage ist: Wie bist du selbst in Täterschaft verstrickt? Wo profitierst du von patriarchalen Strukturen, auch ohne einen Cent dafür zu bezahlen?

Wer sich von einer einzelnen, klar markierten Gruppe von Männern abgrenzt, muss genau diese unbequemere Frage nicht mehr stellen. Man wäscht sich die Hände an den anderen rein.


Es sind immer alle cis Männer

Nicht jeder Mann ist ein Vergewaltiger oder Schläger, aber patriarchale Macht ist keine Frage einzelner Taten, sondern eine Struktur, die alle Männer – ob sie wollen oder nicht – privilegiert, formt und einschließt. Sich aus dieser Struktur durch eine moralische Selbstauskunft herauszunehmen, ist falschverstandene Selbstkritik.

Eine Männlichkeit, die wirklich kritisch sein will, fragt nicht: „Bin ich einer der Guten?" Sie fragt: „Wo bin ich verstrickt, und was mache ich damit?" Diese Frage lässt sich nicht ein einziges Mal beantworten und dann für immer abhaken. Sie muss immer wieder neu gestellt werden – unbequem, ohne Ausweg in die Selbstgerechtigkeit.

Das gilt im Übrigen nicht nur für „Männer". Auch Frauen* können Täterinnen sein, auch sie sind nicht automatisch durch ihre Position im Patriarchat von Verstrickung freigesprochen. Aber der Reflex, sich vorschnell die eigene Unschuld zu attestieren, ist bei Männern, die sich öffentlich von Freiern abgrenzen, besonders auffällig – sie tun es vor einem Publikum, meist vor Frauen oder in feministischen Räumen, und erwarten dafür Applaus, Vertrauen, moralische Aufwertung.

Echte Selbstreflexion sucht keine Bestätigung von außen – sie ist unbequem, leise, nie ganz abgeschlossen.

Wer aber öffentlich erklärt „Ich bin keiner von denen" und dafür Anerkennung erwartet, hat das Format einer Beichte gewählt, ohne die Bereitschaft zur eigentlichen Buße. Diese Anerkennung steht der Sache entgegen, weil kritische Männlichkeit kein Statusgewinn sein darf. Sobald sie zur Bühne wird, auf der man sich als der bessere Mann präsentiert, ist sie kein Akt der Verantwortung mehr, sondern wieder genau das alte Spiel: Männer, die sich vor Frauen profilieren – nur eben mit feministischem Vokabular. Performativer Feminismus at its best.

Wer wirklich ein guter und feministischer Genosse sein will, hört auf, sich für den Vergleich mit anderen Männern zu loben. Er fängt an, sich selbst zu hinterfragen – auch wenn's weh tut.


Was ist überhaupt ein „Freier"?

Das ganze Distanzierungsgehabe lebt davon, dass „Freier" ein klar abgrenzbarer Typ ist: der Mann, der zu Sexarbeiter*innen geht. Aber genau diese enge Definition ist Teil des Problems.

Wer Pornos konsumiert, kauft ebenfalls sexuelle Dienstleistungen. Wer auf OnlyFans abonniert, bezahlt für Inhalte, die explizit für seine sexuelle Befriedigung produziert wurden. Wer in WebcamChats Trinkgeld gibt, kauft sexuelle Aufmerksamkeit. Und selbst wer nie für sexuelle Dienstleistungen bezahlt, ist deshalb nicht automatisch außen vor.

Auch die Ehe ist, feministisch betrachtet, eine Form von Sexarbeit – nur dass die Bezahlung nicht in Geld pro Akt erfolgt, sondern in Versorgung, sozialer Sicherheit, einem Trauschein.

Der Unterschied zur Sexarbeiterin im Bordell ist nicht die Struktur, sondern nur die Form der Entlohnung und ihre gesellschaftliche Anerkennung. Wer also seine Partner*in sexuell und in der unbezahlten Care-Arbeit ausbeutet, wer Sex erwartet, ohne sich für ihr Begehren zu interessieren, wer Haushalt, Fürsorge und emotionale Arbeit als selbstverständlich voraussetzt, ohne sie zu entlohnen oder auch nur anzuerkennen, befindet sich in derselben Position wie der Freier. Nur dass hier nicht einmal Geld fließt. Die Ausbeutung ist bloß durch Liebe, Verpflichtung oder Tradition kaschiert, statt durch eine Rechnung sichtbar zu werden.

Das alles ist ökonomisch und strukturell dieselbe Logik wie der Besuch im Bordell – nur unsichtbarer, digitaler, oder eben familiär normalisiert.


Die Reinwaschung funktioniert durch Ablenkung

Es geht hier nicht darum, dass es schlimm wäre, Freier zu sein. Sexuelle Dienstleistungen zu kaufen ist nicht per se das Problem, das hier verhandelt wird. Das Problem ist: dass diese Praxis nie hinterfragt wird, sobald man sich selbst als „kein Freier" einordnen kann.

Genau das passiert bei der Selbstabgrenzung: Sie verschiebt das Bild des Täters auf eine sichtbare, stigmatisierte Minderheit – den Mann im Rotlichtviertel – während der ganz normale, alltägliche Konsum sexualisierter Inhalte und ausbeuterischer Strukturen als unverdächtig durchgeht.

Der Mann, der nie einen Fuß in ein Bordell gesetzt hat, aber regelmäßig Pornos schaut oder unbezahlte Care-Arbeit in einer Ehe als selbstverständlich entgegennimmt, kann sich problemlos als „kein Freier" bezeichnen – und genau dadurch hört für ihn jede Reflexion auf. Er muss sich nie fragen: Was schaue ich da eigentlich? Unter welchen Bedingungen ist das entstanden? Was bedeutet es, dass ich mich an der bezahlten Arbeit einer anderen Person sexuell errege, ohne mich auch nur eine Sekunde für ihre Lebensrealität, ihre Arbeitsbedingungen oder ihre Sicherheit zu interessieren?

Die Frage ist nicht: „Bin ich ein Freier oder nicht?" Die Frage ist: „Wo und wie konsumiere ich sexuelle Dienstleistungen – und stelle ich mir dabei überhaupt die Fragen, die ich mir stellen müsste?"

Wer sich aus dieser Frage herausdefiniert, indem er eine enge, altmodische Vorstellung von „Freier" wählt, wäscht sich die Hände rein, statt sie schmutzig zu machen mit der eigenen, unbequemen Reflexion.

Und damit schließt sich der Kreis zur eigentlichen Ausgangsfrage. Denn dasselbe Muster der Reinwaschung kennen wir längst aus einem größeren Zusammenhang: Viele Männer sind Täter. Nicht weil jeder einzelne Mann eine konkrete Gewalttat begangen hat, sondern weil sexualisierte Gewalt, Grenzüberschreitung und Ausbeutung statistisch und strukturell so verbreitet sind, dass die Vorstellung, man selbst stehe garantiert außerhalb dieser Realität, eine Illusion ist.

Wer sich vorschnell als „kein Freier" – und damit implizit als „kein Täter" – einordnet, macht genau das, was Täterschaft seit jeher ermöglicht:

Er hört auf zu fragen.
Anne Bonny

Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.