Studienbericht: Evidenzbasierte Probleme des Nordischen Modells

Das Nordische Modell, also die Kriminalisierung von Kund*innen bei gleichzeitiger Entkriminalisierung der Sexarbeitenden, wird politisch häufig als Schutzmaßnahme dargestellt. Die internationale empirische Evidenz zeigt jedoch, dass diese Gesetzgebung erhebliche Risiken für Gesundheit, Sicherheit und Rechte von Sexarbeitenden erzeugt.

1. Gesundheitliche und sicherheitsbezogene Risiken

Platt et al. (2018) analysierten in einer systematischen Review und Meta-Analyse über 40 quantitative und 94 qualitative Studien. Sie zeigen, dass repressive Gesetzgebung, einschließlich der Kriminalisierung des Sexkaufs, signifikant mit erhöhtem Risiko für physische und sexuelle Gewalt, HIV- und STI-Infektionen, ungeschützten Sex sowie eingeschränktem Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten verbunden ist.

Criminalisation and repressive policing are linked to worse health and safety outcomes for sex workers. (Platt et al., 2018)

Vuolajärvi (2018) belegt ethnographisch, dass insbesondere migrantische Sexarbeitende von Repression, Überwachung, sozialer Ausgrenzung sowie migrationsrechtlichen Maßnahmen betroffen sind.

What is in practice produced is not protection or humanitarian aid, but deportations, evictions, social exclusion and increased precarity for migrant sex workers.

2. Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen und Stigmatisierung

Der Bericht des SWARM Collective (2019) zeigt vier Jahre nach Einführung des Modells in Nordirland keinen Rückgang der Sexarbeit, jedoch eine Zunahme von Unsicherheit, Stigmatisierung und Gefährdung.

56,7 % of sex workers surveyed felt that the law had made sex work more dangerous; 29,1 % said it had made no difference to their safety. (SWARM, 2019)

Ellison et al. (2019) bestätigen, dass die Käuferkriminalisierung die Nachfrage kaum reduziert, während sich Arbeitsbedingungen verschlechtern und Isolation sowie Gewalt zunehmen.

3. Verlagerung von Risiken und Nachfrage

Huschke & Ward (2018) zeigen, dass sich Kontakte in unsichtbare und private Räume verlagern, wodurch Risiken für Sexarbeitende steigen. Polizeipräsenz und Angst vor Strafverfolgung verhindern sichere Praktiken wie Kund*innen-Screening oder Kondomverhandlungen.

Sex workers reported higher levels of anxiety and unease, and increased stigmatisation. (SWARM, 2019)

4. Besonders vulnerable Gruppen: Migrantische Sexarbeitende

Vuolajärvi (2018) belegt, dass Migrant*innen überproportional von Kontrollen, Abschiebungen, Vertreibungen und sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Das Nordische Modell wirkt hier primär als repressives Kontrollinstrument.

5. Internationale Evidenz und Entkriminalisierung als Alternative

Internationale Reviews, unter anderem von Platt et al. (2018) und dem Global Network of Sex Work Projects (NSWP, 2017), zeigen, dass vollständige Entkriminalisierung bessere Gesundheits-, Sicherheits- und Arbeitsbedingungen ermöglicht. Länder wie Neuseeland belegen, dass Rechte und Regulierung wirksamer schützen als repressive Gesetzgebung.

Quellen