Sexarbeit, Polizei und die Illusion von Sicherheit.

Sexarbeit, Polizei und die Illusion von Sicherheit

Wer Gewalt erlebt und Hilfe braucht, soll die Polizei rufen. Das ist für viele Menschen selbstverständlich. Für die meisten Sexarbeitenden ist es das nicht.

Die Polizei ist nicht nur die Institution, die man rufen soll, wenn man Gewalt oder Unrecht erlebt. Sie ist zugleich die Institution, die unsere Arbeitsorte, unsere Registrierungen und Personalien kontrolliert, Razzien durchführt und Verstöße gegen Aufenthalts-, Gewerbe- oder andere Vorschriften verfolgt.

Aber wo Kontrolle und Rettung von derselben Institution ausgehen, bleibt in der Realität am Ende meistens nur die Kontrolle übrig.

Wo Kontrolle und Rettung von derselben Institution ausgehen, bleibt in der Realität am Ende meistens nur die Kontrolle übrig.

Ich selbst habe als Sexarbeiterin mehrere Razzien in Bordellen und andere unschöne Kontakte mit der Polizei miterlebt, daher bezeichne ich mich heute als Überlebende von Polizeigewalt.

Auch wenn ich hier nicht allzu sehr auf meine persönlichen Erfahrungen eingehen will, so sollt ihr wissen, dass mich bei diesen Kontakten nie auch nur ein Polizist oder Zollbeamter gefragt hätte, wie es mir geht und ob ich freiwillig oder gar gerne im Bordell oder der Sexarbeit tätig bin.

Stattdessen wurden ich und meine Kolleg*innen unter Generalverdacht gestellt, mussten uns sexistische Sprüche und pervers-väterliche Schutzgebärden gefallen lassen oder duldeten Erniedrigung, als wir nur in ein Handtuch bekleidet verhört wurden.

Obwohl wir wussten, dass wir nichts verbrochen hatten, hatten wir trotzdem immer massive Angst, wenn die Beamten unsere privaten Taschen und Schränke auf Drogen, Geld oder Waffen durchsuchten.

Ich hab mich nie als Kriminelle wahrgenommen, immerhin ist Sexarbeit legal und wir zahlen Steuern. Nach den Razzien und so, wie uns die Polizei behandelte, war ich mir dann aber nicht mehr so sicher.


Vor der Polizei sind wir nicht gleich

Mehr als 80 % der registrierten Sexarbeitenden in Deutschland sind migrantisch, von Armut betroffen, chronisch krank, trans, queer oder anderweitig (mehrfach-) marginalisiert.

80 % Sexarbeitende in Deutschland sind migrantisch, von Armut betroffen, chronisch krank, trans, queer oder anderweitig (mehrfach-) marginalisiert.

Viele arbeiten ohne rechtlich verordnete Registrierung, meist weil sie Angst davor haben, in einem Sonderregister verzeichnet zu sein oder durch den sogenannten Hurenpass geoutet zu werden.

Oder weil sie die Voraussetzungen für eine Registrierung, z. B. Arbeitserlaubnis, sicheren Aufenthaltstitel oder Meldeadresse, nicht mitbringen.

Andere scheitern an den bürokratischen Hürden, vielleicht weil sie suchtkrank sind oder von Sprach- oder anderen Barrieren behindert werden.

Dabei sind Sexarbeitende zusätzlich massiv von Stigmatisierung belastet und werden häufig aufgrund ihrer Tätigkeit gesellschaftlich abgewertet, diskriminiert oder ihre Erfahrungen werden infrage gestellt.

Nicht selten müssen sich Sexarbeitende anhören, dass Gewalt ja irgendwie zu ihrem Job gehöre und sie somit in gewisser Weise selbst an ihrer Situation schuld seien.

Mehrfache Marginalisierung bedeutet mehrfache Hürden

Diese Marginalisierungen bestehen nicht nur nebeneinander, sondern verstärken sich gegenseitig. Bei einem gewollten oder ungewollten Kontakt mit Polizei oder Justiz sind sie oft entscheidend dafür, wem zugehört und geglaubt oder ob erlebte Gewalt bagatellisiert wird.

Zusätzlich zum „Hurenstigma“ erleben viele Sexarbeitende Rassismus, Xenophobie, Ableismus, trans- oder queerfeindlichkeit oder andere Diskriminierungsarten.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bezeichnet Racial Profiling als das häufigste Diskriminierungsmuster im Bereich Polizei und Justiz und Berichte über Polizeigewalt lassen sich nicht als Einzelfälle abtun.

Wir müssen uns bei der Regulierung oder Kriminalisierung von Sexarbeit daher immer fragen:

Wer kontrolliert und setzt diese Gesetze durch?

Wer erfährt dabei tatsächlich Schutz – und wer nicht?


Ein kritischer Blick auf Kontrolle und Schutz

Polizeikontrollen und Polizeigewalt reproduzieren und verfestigen gesellschaftliche Ungleichheiten.

Eine der größten systematischen Untersuchungen zum Thema wertete 40 quantitative und 94 qualitative Studien über Sexarbeit, Gesetzgebung und Polizeipraxis aus.

3× Sexarbeitende, die repressiven Polizeipraktiken ausgesetzt sind, haben ein dreimal höheres Risiko, körperliche oder sexualisierte Gewalt zu erfahren.

Hinter dieser Erhebung verbergen sich willkürliche Festnahmen, Vertreibung von Arbeitsorten, Erniedrigung, Erpressung sowie psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt.

Diese Zahlen zeigen nicht an, ob und wie viel dieser Gewalt tatsächlich von Polizisten selbst begangen wurde. Die Konsequenz der vermehrten Kontrollen und der steigenden Gewaltzahlen in Ländern mit Teil- oder Vollkriminalisierung ist ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Polizei.

Wenn man Angst haben muss, gedemütigt, kontrolliert, selbst belangt zu werden oder Schlimmeres zu erfahren, überlegt man es sich zweimal, die Polizei zu rufen.

Amnesty International dokumentiert beispielsweise, dass Sexarbeitende unter der Gesetzgebung des Nordischen Modells die Polizei wirklich nur dann zur Hilfe rufen, wenn sie glauben, dass sie sterben werden.

Aus Angst, die eigene Wohnung zu verlieren oder andere Repression zu erfahren, vermeiden es die Sexarbeitenden dort oft ganz und bleiben auf sich und ihre Communities gestellt.

Das alles bedeutet nicht, dass die Polizei Sexarbeitenden niemals Schutz bieten würde. Aber nur weil eine Institution formal dazu beauftragt wurde, Schutzgesetze umzusetzen und zu kontrollieren, heißt es nicht, dass sie auch tatsächlich schützt.

Entscheidend ist, ob die Menschen diesen Schutz in Anspruch nehmen können, ohne dabei selbst Angst vor Repression und Gewalt haben zu müssen.


Mehr Kontrolle ist nicht automatisch mehr Schutz

Als Linke, die wir auch über eine Mehrkriminalisierung und die Regulierung von Sexarbeit streiten, müssen wir uns deshalb immer vor Augen halten, dass wir damit zwangsläufig auch über mehr staatliche Kontrolle und mehr Finanzierung und Befugnisse für die Staatsgewalt sprechen müssen.

Ein intersektional-feministischer Blick auf das Thema ist notwendig, denn wir müssen uns immer wieder fragen, wer es sich eigentlich leisten kann, der Polizei zu vertrauen.

Der Anspruch, Sexarbeitende vor Gewalt zu schützen, darf nicht dazu führen, ausgerechnet die Institution mit immer mehr Macht über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen auszustatten, deren Gewalt und diskriminierende Praxis für viele marginalisierte Menschen längst Teil der Realität sind.

Schutz wird nicht durch das Strafrecht selbst hergestellt, sondern gibt einem oft die Illusion von Sicherheit.

Wirklicher Schutz und Perspektiven schafft man durch grundlegende Schutzstrukturen und Angebote, die den Betroffenen von Gewalt und Zwang wirklich nachhaltig helfen können.

Menschen rettet man mit Handhabe und Alternativen, nicht mit Bedingungen und Zwang.

Diese Möglichkeiten hat die Bundesregierung bei weitem noch nicht ausgereicht und sogar aktiv verhindert.


Die Partei Die Linke

Auf dem Bundesparteitag 2026 in Potsdam haben wir mit herausragender Mehrheit für die „Solidarität mit Sexarbeitenden“ und gegen die rassistische Migrationspolitik des Nordischen Modells abgestimmt.

Wieder einmal zeigt die Partei, dass sie an der Seite von marginalisierten Menschen steht und auf differenzierte Lösungen, anstatt auf symbolische Gesetze und Verbotspolitiken setzt.

Die Beschlüsse wurden von der BAG Die Linke Kanax, BAG Die Linke Queer und Landesverbänden (HH und BaWü) getragen und auch vom FLINTA-Plenum mit Mehrheit abgestimmt.

Sexarbeit oder Prostitution sind überkomplexe Themengebiete. Viele verschiedene Menschen sind aus vielen verschiedenen Gründen in der Sexarbeit.

Was alle eint: Sie überleben mit Sexarbeit im Kapitalismus.

Um diese Menschen zu schützen und ihnen Versorgung oder Alternativen anbieten zu können, helfen keine Verbote und noch mehr Polizei oder Zoll.

Als Linke müssen wir diesem komplexen Thema mit ebenso vielfältigen Lösungen begegnen.

Menschenhandel, Zwang und Gewalt müssen zielführend bekämpft werden, ohne Sexarbeitende und ihr Umfeld zu kriminalisieren und damit weiter zu gefährden.

Anne Bonny

Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.