Von Sonja Dolinsek
Auslöser für diesen Text war eine von vielen Social-Media-Interaktionen zum Thema Sexarbeit. Im Sommer 2024 hatte sich ein Mann namens Daniel Danzer in die Kommentare einer Sexarbeitenden auf Instagram eingemischt und geschrieben: „Ich frage mich bei den Sexarbeitsverbänden und deinen Texten hier, ob das nicht eine sehr privilegierte Position ist."
Der Privileg-Vorwurf ist allgegenwärtig. Erst kürzlich, Anfang April 2026, wurde eine von Sexarbeitenden mitkuratierte Ausstellung in der Bundeskunsthalle eröffnet. Das ist ein historisches Ereignis der Selbstermächtigung, denn weltweit haben Sexarbeitende selten darüber entschieden, wie sie und die Geschichte des Umgangs mit ihnen dargestellt werden. Die Gegner*innen der legalen Sexarbeit sehen das natürlich anders. Sie wollen sich nicht auf die kritische Perspektive, die diese Ausstellung anregt, einlassen. Auch hier schwingt der Privileg-Vorwurf mit, wenn man sich die SPIEGEL- und EMMA-„Berichte" über „Sexarbeiter*innen" genauer anschaut. Der Vorwurf wird seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt, meist von Nicht-Sexarbeitenden, die Sexarbeit kriminalisieren wollen, oft von privilegierten, weißen deutschen Männern oder Frauen, die Sexarbeitende offenbar nicht ernst nehmen wollen. Was steckt dahinter? Fangen wir mit den Begriffen an.
Was heißt „Privileg"?
Im Juraforum findet man diese Definition: „Ein Privileg ist im rechtlichen Kontext eine besondere Begünstigung oder Ausnahme, die einer Person, Gruppe oder Organisation gewährt wird. […] Eine berechtigte Ungleichbehandlung ist ein wesentliches Merkmal eines Privilegs." Folgt man diesem Begriff, sind alle Personen privilegiert, die in irgendeiner Form rechtlich bessergestellt und bevorteilt werden. Wenn ich diese Definition lese, fallen mir sofort zahlreiche Beispiele privilegierter Personen ein: Erben millionen- bzw. milliardenschwerer Familien; Unternehmen, die Steuerbegünstigungen erhalten oder es doch irgendwie schaffen, keine Steuern zu zahlen; Menschen, die durch Gesetze, Institutionen oder gesellschaftliche Normen geschützt werden, während andere ausgeschlossen werden.
Ein Privileg war und ist es lange Zeit gewesen, einfach ein weißer cis Mann zu sein. Ob arm oder reich, in der Ehe konnten Männer mit ihren Ehefrauen und Kindern lange tun und lassen, was sie wollten, mit wenigen Ausnahmen. Erst langsam, im 20. Jahrhundert, geriet diese Vorstellung ins Wanken, auch wenn die rechtliche Besserstellung von Männern und die Schlechterstellung von Frauen und nicht-binären Personen in vielen Bereichen fortwirken. Auch Prostituierte wurden historisch schlechtergestellt. Privilegiert waren und sind – da haben die Verbotsbefürworter*innen ein Argument, aber leider nur eines: die cis-männlichen und heterosexuellen Kunden.
Anhaltende Diskriminierung ist kein Privileg
Wenn ich mir diese Definition des Privilegs anschaue, eine besondere Begünstigung, dann denke ich an vieles, aber nicht an Sexarbeitende. Vielleicht weiß ich zu viel über Sexarbeit und die Geschichte ihrer Regulierung und Repression. Vielleicht ist es für mich einfach zu offensichtlich, dass anhaltende Diskriminierung kein Privileg sein kann. Eine Person, die Sexarbeit ausübt, wird aufgrund ihrer Tätigkeit nach wie vor diskriminiert, verachtet und ausgegrenzt. Sie muss aktuell gegen die Kriminalisierung ihres Jobs kämpfen. Sie muss darum kämpfen, als ebenbürtiger Mensch anerkannt zu werden. Welches Privileg soll das bitte sein, tagtäglich Hass im Netz zu erfahren, nur weil man in Ruhe dem eigenen Job nachgehen möchte?
Der Privileg-Vorwurf der Verbotsbefürworter*innen ist selbst ein Beleg für die anhaltende Ausgrenzung und Verachtung von Sexarbeitenden – auch unter vermeintlichen Feminist*innen.
Selbst die cis-weiße Sexarbeiterin mit akademischem Abschluss und deutscher Staatsbürgerschaft kann es sich kaum leisten, offen über ihre Sexarbeit zu sprechen, ohne sozial abgestraft zu werden und die Konsequenzen des Outings potenziell lebenslang zu tragen. Wer sich als Sexarbeiterin oder Sexarbeiter outet, bleibt durch das Stigma an diese Arbeit gebunden. Eine geoutete Sexarbeiterin kann ihren Job nicht einfach aufgeben und ihre Karriere wie alle anderen Menschen fortsetzen. Das Stigma, genauer: die Gesellschaft, die Sexarbeitende nach wie vor hasst und nicht als ebenbürtige Menschen behandeln will, verhindert das. Das ist kein Privileg. Das sind Diskriminierung, Stigma und Verachtung.
Der Privileg-Vorwurf ist hier Kompliz*innenschaft mit dem System des hunderte Jahre alten „Hurenhasses", mit der Verachtung von Frauen, die von der Monogamienorm abweichen, mit der Bestrafung der sogenannten „Schlampen", die es (in der patriarchalen Logik) gewagt haben, sexuell und finanziell außerhalb der für Frauen vorgesehenen Bahnen unabhängig zu sein.
Und falls jetzt kommt: „Aber die Armutsprostituierten aus Rumänien und Bulgarien!!!" Ja, das betrifft auch sie. Übrigens auch Menschenhandelsopfer, die zu Hause oft nicht erzählen, dass sie ausgebeutet wurden, weil das Stigma der Prostitution schwerer wiegt als das Leid der Ausbeutung. Das Stigma trifft alle. Das Stigma ist kein Privileg. Es ist eine Deprivilegierung.
Eine perfide politische Strategie
Der Vorwurf des „Privilegs" gegenüber aktiven Sexarbeitenden ist eine perfide politische Strategie. Er produziert deutliche Doppelstandards. Wenn das Ziel wirklich darin besteht, Zwangsprostitution und Ausbeutung zu bekämpfen, warum gibt es dann so viel Widerstand gegenüber denjenigen, die selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig sind? Wer gegen Zwang und Ausbeutung ist, sollte konsequent für mehr Selbstbestimmung in der Sexarbeit eintreten. Das bedeutet auch, die Rechte und den Schutz derjenigen zu fördern, die freiwillig – so freiwillig wie man in einer kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft arbeiten kann – in diesem Beruf tätig sind.
Wie viele dieser vermeintlich so privilegierten Sexarbeitenden gibt es in Ländern mit nordischem Verbot? Immer wieder liest man von krassen Fällen von Menschenhandel in Ländern wie Schweden oder von massiver Prostitution Minderjähriger in Frankreich. Kann es sein, dass das Nordische Modell diese Ausbeutungsstrukturen fördert? In diesen Ländern sind Diskriminierung und Verachtung gesellschaftlich derart verankert, dass sich Sexarbeitende kaum trauen, sich zu organisieren und sich einzumischen.
Sexarbeitende verdienen unsere Solidarität, egal unter welchen Bedingungen sie arbeiten, denn keine*r von ihnen ist privilegiert. Das bedeutet nicht, dass wir reale Unterschiede ausblenden, denn es macht einen Unterschied, woher jemand kommt, ob Sexarbeitende einen legalen Aufenthaltsstatus haben, ob sie Deutsch sprechen, welche Bildung sie genossen haben und in welchem Bereich der Sexarbeit sie tätig sind. Alle diese intersektional gelagerten Unterschiede haben allerdings weniger mit Sexarbeit selbst zu tun, sondern mit gesellschaftlich und rechtlich tief verankerten Diskriminierungen.
Delegitimierung statt Demokratie
Statt Solidarität begegnet öffentlich auftretenden Sexarbeitenden in Deutschland oft der Vorwurf, sie seien „privilegiert". Dieser Vorwurf dient dazu, ihre Stimmen zu delegitimieren, ihr Grundrecht auf demokratische Teilhabe einzuschränken und sie zu entrechten. Er vertuscht die anhaltende Diskriminierung und Schlechterstellung von Sexarbeitenden. Er stabilisiert eine antidemokratische Haltung, wonach nicht alle Menschen gleich sind.
Hinter dem „Privileg"-Vorwurf steckt eine Strategie, die mit der Kampagne für das „Nordische Verbot" zusammenhängt. Sie wirkt besonders perfide: Wer keine Gewaltgeschichte erzählen kann oder will, wird als nicht repräsentativ oder irrelevant abgestempelt. Es entsteht der Eindruck, dass Sexarbeitende erst Gewalt erlebt haben müssten, um ernst genommen zu werden. Diese Unterteilung in „gute" gewaltbetroffene und „schlechte" selbstbestimmte Sexarbeiter*innen dient dazu, alle Stimmen auszublenden, die den Verbotsbefürworter*innen nicht ins Bild passen.
Es scheint fast so zu sein, als sei Gewalterfahrung eine Voraussetzung für demokratische Teilhabe. Gewalt ist nicht normal, auch nicht in der Sexarbeit.
Es ist fast so, als könne man als Prostituierte bzw. Sexarbeitende nur mitreden, wenn man Gewalt erfahren hat und bereit ist, explizit darüber mit gaaaanz vielen Details zu sprechen. Das läuft darauf hinaus, dass wir Gewalt gegen Sexarbeitende als Normalität akzeptieren. Es läuft darauf hinaus, dass Frauen allgemein Gewalt erleiden müssen, um überhaupt mitreden zu dürfen, dann allerdings nur als Opfer patriarchaler Gewalt. Wer das Gegenteil behauptet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er*sie sich mehr Gewalt wünscht.
Das Beispiel Huschke Mau: Die Doppelmoral offenbart sich
Besonders bezeichnend wird die Doppelmoral im Vergleich zu einer Person wie Huschke Mau. Mau arbeitete während ihres Studiums als Sexarbeiterin – sie lehnt diesen Begriff allerdings ab – und ist seit über zehn Jahren eine prominente Stimme in den Medien. Sie entspricht dem Klischee der „privilegierten deutschen Studentin", die durch Sexarbeit ein Studium finanziert. Trotzdem wird sie gesellschaftlich nicht als „privilegiert" gebrandmarkt – obwohl sie als bald promovierte Historikerin vielleicht auch nicht gerade die Mehrheit der Sexarbeitenden repräsentiert. Sie wird akzeptiert. Sie wird sogar als Totschlagargument gegen Sexarbeitende angeführt, die für legale Sexarbeit kämpfen.
Der Kontrast zu anderen Sexarbeitenden, die sich für ihre Rechte einsetzen, könnte kaum größer sein. Diese Stimmen werden als „privilegiert" abgetan und marginalisiert, während Mau als glaubwürdige Vertreterin der Debatte gilt. Das zeigt die Verachtung gegenüber Sexarbeitenden, die sich durch die Gesellschaft zieht: Nur eine Ex-Sexarbeiterin, die sich von ihrer Vergangenheit lossagt und diese bereut, wird wieder aufgenommen. Diese Doppelmoral offenbart, dass es nicht darum geht, die Lebensbedingungen von Sexarbeitenden zu verbessern. Das Stigma soll erhalten bleiben.
CDU, Ausstiegsprogramme und kapitalistische Arbeitsmarktpolitik
Nun leben wir in einer Zeit, in der verachtende Rhetorik im allgemeinen politischen Diskurs nicht nur akzeptiert, sondern fast zur Voraussetzung des politischen Diskurses geworden ist. Heutzutage ist es wieder „cool", die Teilhabe- und Menschenrechte von Menschen infrage zu stellen, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm der „produktiven" Bevölkerung entsprechen.
Sexarbeit gilt in den Augen vieler eben nicht als „produktive" Arbeit. Der Kapitalismus lässt grüßen. Daher versucht man, Prostituierte in Ausstiegsprogramme zu stecken, in denen sie sich allerdings auch nur in den Jobs „selbstverwirklichen" dürfen, die den weißen, deutschen Privilegierten zufallen: Reinigung, Pflege, Haushalt, Landwirtschaft – selbst dann, wenn die Personen einen akademischen Abschluss haben, aber aus dem falschen Ausland kommen. Ausstiegsprogramme in diese Berufe sind knallharte kapitalistische Arbeitsmarktpolitik und keine solidarische Hilfe.
Wenn die CDU das nächste Mal Ausstiegsprogramme fordert, bei gleichzeitiger Kürzung der Sozialleistungen, Aufweichung des Kündigungsschutzes sowie Schwächung der Arbeitsrechte von Arbeitsmigrant*innen, denkt daran: Das ist knallharte kapitalistische Arbeitsmarktpolitik! Die CDU, zumal die unter Merz, Spahn und Klöckner, hat immer eine Agenda, die den tatsächlich Privilegierten, den Unternehmen, den Reichen, zugutekommt.
Wenn ich lese, wie und warum Huschke Mau mit der Sexarbeit angefangen hat, sehe ich das Problem weniger in der legalen Sexarbeit, sondern in den schwachen sozialpolitischen Strukturen. Und dann bitte ich alle zu recherchieren, was die CDU im Bereich der Jugendpolitik, Jugendsozialarbeit und Sozialpolitik vorhat: Die Antwort ist: Kürzen, kürzen, kürzen. Wer glaubt, dass man mit einem Vergütungsverbot für Sexarbeit die katastrophalen Folgen dieser sozialpolitischen Entscheidungen abfedern wird, ist hochgradig naiv. Armut wird zunehmen, Gewalt wird zunehmen – weil Sexarbeitende nicht mehr als Menschen mit Rechten gelten.
Was wirklich gebraucht wird
Wenn die Gesellschaft und Parteien wie die CDU wirklich daran interessiert wären, Zwangsprostitution zu bekämpfen, müssten sie die Arbeitsbedingungen verbessern und die Rechte von Sexarbeitenden stärken; sie müssten aufhören, Betroffene von Ausbeutung abzuschieben; sie müssten diese Sexarbeitenden fragen, wie es dazu kommen konnte, dass sie selbstbestimmt arbeiten, und wie man diese Bedingungen für möglichst viele herstellen kann. Stattdessen sagen sie: „Mir egal, wir wollen verbieten!"
Man stelle sich nun einen Vergleich mit Gewerkschaften oder Frauenorganisationen vor. Was wäre, wenn man die wortgewandten, öffentlich sprechenden Vertreter*innen dieser Organisationen als „privilegiert" abtun würde, nur weil sie angeblich nicht die gesamte Masse repräsentieren? Sofort würde klar werden, wie problematisch, antidemokratisch und letztlich auch rechts dieses Argument ist. Politische Mitsprache und Organisation sind Grundrechte in einer Demokratie, unabhängig davon, ob Menschen eloquent sind oder einen Hochschulabschluss haben.
Letztlich geht es in der Debatte nicht um Schutz, sondern um Kontrolle. Der Privilegvorwurf ist ein antidemokratisches Instrument, um Sexarbeitende aus der politischen Mitsprache auszuschließen und ihre Position weiter zu marginalisieren.
Der Privileg-Vorwurf ist ein Instrument patriarchaler Machtausübung, das die jahrhundertelange Marginalisierung der Sexarbeitenden fortführen soll. Dass dabei die Erfahrungen von Gewalt instrumentalisiert werden, zeigt, wie hinterhältig und doppelbödig die Menschen handeln, die diesen Vorwurf formulieren.
Dies ist eine überarbeitete Version eines Textes, der zuerst auf prostitutionspolitik.net erschienen ist.
Autor*in:Sonja DolinsekHistorikerin, Feministin, Gewerkschafterin, Abolitionistin" (nach Angela Davis). Sie schreibt immer mal wieder auf prostitutionspolitik.net und im Fediverse. Mehr zu Kürzungen bei Kinder- und Behindertenhilfe.
