Die Heilige und die Hure

Das nordische Versprechen von „wahrhaftiger Gleichstellung"

Die Unterstützung des nordischen Modells durch weiße, heterosexuelle Feministinnen wird häufig als Ausdruck linker Gleichstellungspolitik präsentiert. Sie bedient sich einer Sprache von Schutz, Geschlechtergerechtigkeit, Gewaltprävention und – nicht selten – auch sozialpolitischer Verantwortung. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch eine andere, dominierende Logik: Das nordische Modell fungiert primär als sexualmoralisches Ordnungsprojekt. Es stabilisiert eine spezifische Vorstellung „richtiger" Sexualität – und tarnt diese ordnungspolitischen Vorstoß unter dem feministischen Deckmantel des Engagements für Geschlechtergerechtigkeit.

Im Zentrum dieser Argumentation steht nicht die tatsächliche Verbesserung konkreter Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden, auch wenn sozialpolitische Bezüge rhetorisch präsent sind. Entscheidend ist vielmehr die Regulierung von Begehren, Intimität und Geschlechterverhältnissen. Sexarbeit wird weniger als sozialpolitisches Feld verhandelt denn als Projektionsfläche für eine sexualmoralische Zukunftsvision „wahrhaftiger" Gleichstellung.

Die Wiederkehr von „Heiliger" und „Hure" als politisches Schema

Die zentrale Denkfigur dieser Argumentationslogik ist die Dichotomie von „Heiliger" und „Hure". Sie trennt schützenswerte von zu regulierender Sexualität und fungiert als sexualmoralisches Ordnungsschema, das politische Entscheidungen strukturiert.

Die „Heilige" steht für die legitime, gesellschaftlich anerkannte Sexualität: heterosexuell, monogam, emotional eingebettet und nicht-kommerziell. Sie ist das Subjekt, für dessen Gleichstellung Politik gemacht wird. Ihre Sexualität gilt als Ausdruck von Gegenseitigkeit, Reife und moralischer Integrität – und damit als schützenswert.

Die „Hure" hingegen markiert jene Sexualität, die als öffentlich, käuflich und ordnungswidrig gilt. Sexarbeit wird nicht als Arbeit verstanden, sondern als Störung der moralischen Ordnung von Geschlecht und Intimität. Dass Menschen unter realen sozialen, ökonomischen und rechtlichen Bedingungen Entscheidungen treffen, die nicht dem Ideal romantischer Gegenseitigkeit entsprechen, wird nicht als soziale Tatsache anerkannt, sondern als gesellschaftliches Problem konstruiert.

Selbstbestimmung wird dabei systematisch in Frage gestellt – insbesondere dort, wo Sexarbeit prekär ist. Die Vermischung von Sexarbeit mit Menschenhandel und die konsequente Verkennung ihrer Vielschichtigkeit sind weniger Ausdruck von Unwissen als ein zentrales argumentatives Mittel. Komplexität würde die moralische Ordnung infrage stellen, auf der diese Positionen beruhen.

Das nordische Modell als Ordnungspolitik des Begehrens

In der Argumentation für das nordische Modell wird Sexarbeit problematisiert, weil sie angeblich Geschlechterverhältnisse korrumpiert. Der Zugang von Männern zu sexuellen Dienstleistungen gilt als Hindernis für „echte" Gleichstellung. Männer, so das Narrativ, müssten lernen, Sexualität ausschließlich in gleichberechtigten, emotionalen Beziehungen zu leben.

Sexarbeit erscheint in dieser Logik als Störfaktor des Gleichstellungsprojekts – nicht abstrakt, sondern konkret bezogen auf das Beziehungs- und Intimitätsideal weißer heterosexueller Feministinnen. Sie gefährdet das Versprechen einer erfüllten, exklusiven Sexualität mit Männern, die auf Gegenseitigkeit, Verfügbarkeit und moralischer Anerkennung beruht.

Damit wird ein spezifisches Intimitätsideal politisch verabsolutiert. Sex gilt nur dann als legitim, wenn er emotional, exklusiv und reziprok ist. Transaktionale Formen von Sexualität erscheinen per se als defizitär. Dass Sexualität in der realen Gesellschaft vielfältig, fragmentiert, situativ und oft widersprüchlich gelebt wird, bleibt ausgeblendet.

Das nordische Modell zielt damit weniger auf soziale Verbesserung als auf die moralische Erziehung von Subjekten. Sexarbeitende Menschen erscheinen nicht als selbstbestimmte Akteur*innen, sondern als Kollateralschaden eines pädagogischen Projekts, das gesellschaftliches Begehren neu ordnen will.

Weiße heterosexuelle Feministinnen und das verdrängte Eigeninteresse

Auffällig ist, wessen Perspektive in dieser Argumentation als universell gesetzt wird. Weiße, heterosexuelle Feministinnen sprechen im Namen „der Frauen", ohne ihre eigene soziale und sexuelle Position im Patriarchat ausreichend zu reflektieren. Das Ideal der egalitären, erfüllten Zweierbeziehung wird als allgemeines Ziel formuliert, obwohl es an spezifische Klassenlagen, emotionale Ressourcen und gesellschaftliche Anerkennung gebunden ist.

Sexarbeit wird in diesem Kontext nicht nur als Ausbeutung kritisiert, sondern als Bedrohung dieses Ideals wahrgenommen. Sie unterläuft die Vorstellung, dass Intimität zwingend Ergebnis emotionaler Gegenseitigkeit sein müsse. Das Verbot oder die Delegitimierung von Sexarbeit stabilisiert damit indirekt die eigene Sexualitätsordnung.

Das Bündnis mit (rechts-)konservativen und religiösen Akteuren ist vor diesem Hintergrund kein Widerspruch, sondern funktional. Trotz unterschiedlicher Begründungen teilen beide Seiten das Interesse an der Durchsetzung heteronormativer Sexualität. Feministische Gleichstellungsrhetorik fungiert dabei als säkulare Legitimation moralischer Regulierung – verstärkt durch die machtvolle Rolle der „Erretterin", die beansprucht zu wissen, was ein gutes und würdiges sexuelles Leben ist.

Moral ersetzt Sozialpolitik

Charakteristisch für diese Argumentationslogik ist die systematische Verschiebung weg von sozialpolitischen Fragen. Zwar werden Armut, Prekarität und Ungleichheit benannt, jedoch nicht ausreichend bearbeitet. Statt über Arbeitsrechte, Aufenthaltsstatus, soziale Absicherung oder Selbstorganisation zu sprechen, wird Sexarbeit moralisch bewertet. Probleme werden nicht durch materielle Verbesserungen adressiert, sondern durch Verbote, Kriminalisierung und symbolische Grenzziehungen.

Das nordische Modell verspricht Gleichstellung, liefert jedoch Ordnung. Es verspricht Emanzipation, produziert aber neue Formen der Regulierung. Dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unter solchen Regimen nicht verbessern, ist kein unbeabsichtigter Nebeneffekt, sondern die logische Folge eines Ansatzes, der Sexualität regulieren will, statt soziale Ungleichheit zu bearbeiten.

Ein Feminismus, der sich links nennt, kann nicht auf der Normierung von Sexualität beruhen. Linke Politik richtet sich gegen Hierarchien und erweitert Handlungsspielräume, statt Lebensweisen zu disziplinieren. Das nordische Modell ist kein feministisches Schutzprojekt, sondern ein sexualmoralisches Ordnungsinstrument.

Eine emanzipatorische Perspektive beginnt dort, wo sexuelle Vielfalt als soziale Realität anerkannt wird – und wo Politik sich wieder auf materielle Bedingungen konzentriert, statt Begehren zu erziehen.

Hänna

Autor*in:Hännaarbeitet konzeptionell und fachberatend im Bereich Gewaltschutz. Innerhalb der Linken engagierte sie sich für queerfeminitische Themen und die Rechte von Sexarbeiter*innen.