Selbstbestimmung braucht Organisation

Warum Sexarbeitende sich auch gewerkschaftlich organisieren sollten

In Deutschland wird intensiv über Sexarbeit diskutiert. Politikerinnen, Behörden und sogenannte Expertinnen beraten darüber, wie unsere Arbeit reguliert werden soll – über Gesetze, über Verbote, über Schutzmaßnahmen.

Doch ein grundlegendes Problem zieht sich durch viele dieser Debatten: Die Menschen, die tatsächlich in der Sexarbeit tätig sind, sind selten strukturell beteiligt.

Über Sexarbeit wird viel gesprochen. Aber nur selten mit Sexarbeitenden selbst.

Ich arbeite selbst in der Sexarbeit. Und aus dieser Perspektive erlebe ich immer wieder, wie stark politische Diskussionen über unsere Arbeit geführt werden – während wir selbst nur begrenzten Einfluss auf diese Debatten haben.

Natürlich gibt es Initiativen, Beratungsstellen und Organisationen, die wichtige Arbeit leisten. Aber im Vergleich zu vielen anderen Branchen fehlt Sexarbeitenden noch immer etwas Entscheidendes: institutionelle Macht.

Andere Berufsgruppen haben Gewerkschaften, Interessenvertretungen und politische Netzwerke. Wenn über ihre Arbeitsbedingungen entschieden wird, sind sie Teil dieser Prozesse. Sexarbeitende dagegen werden häufig zwar erwähnt – aber selten als organisierte politische Akteur*innen ernst genommen.


„Selbstbestimmung bedeutet mehr als individuelle Entscheidungen. Sie bedeutet, Einfluss auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der eigenen Arbeit zu haben."

Das strukturelle Problem: Keine Stimme in der Kommission

Aktuell tagt in Deutschland eine Expert*innenkommission zur Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes. Diese Kommission soll Empfehlungen für zukünftige gesetzliche Regelungen erarbeiten.

Zur Kommission auf bmfsfj.de

Bemerkenswert ist jedoch, wer dort nicht vertreten ist: In dieser Kommission sitzt keine einzige aktive oder ehemalige sexarbeitende Person.

Es wird also über unsere Arbeit gesprochen – ohne dass unsere Perspektive systematisch einbezogen wird. Das ist kein Detail, sondern ein strukturelles Problem.

Wenn eine Berufsgruppe nicht organisiert ist, können andere leichter für sie sprechen oder über sie entscheiden. Selbstbestimmung bleibt dann ein politisches Schlagwort – ohne echte Machtbasis.

Warum Gewerkschaften der richtige Schritt sind

Gewerkschaften bündeln Interessen, schaffen Sichtbarkeit und eröffnen politische Zugänge. Sie verfügen über juristische Expertise, Netzwerke und organisatorische Ressourcen. Auch für Sexarbeitende kann das ein wichtiger Schritt sein.

Eine Mitgliedschaft bei ver.di kann zum Beispiel Zugang bieten zu:

  • arbeits- und sozialrechtlicher Beratung
  • gewerkschaftlichem Rechtsschutz
  • Unterstützung bei arbeitsrechtlichen Fragen
  • politischen Netzwerken und Kampagnenstruktiven
  • Möglichkeiten, eigene Forderungen sichtbar zu machen

Mitglied bei ver.di werden

Das Entscheidende: die kollektive Ebene

Wichtig ist nicht nur der individuelle Nutzen. Wenn Sexarbeitende sich innerhalb einer großen Gewerkschaft organisieren, entsteht eine Struktur, die unserer Branche bisher fehlt: eine institutionell verankerte Interessenvertretung.

Ein Blick ins Ausland: Was kollektive Organisation bewirkt

Dass solche Bündnisse politische Wirkung entfalten können, zeigt ein Blick ins Ausland: In Belgien wurde Sexarbeit 2022 weitgehend entkriminalisiert. Sexarbeiter*innen-Organisationen hatten zuvor eng mit Gewerkschaften und arbeitsrechtlichen Initiativen zusammengearbeitet, um politische Unterstützung für diese Reform aufzubauen.

Zum HRW-Bericht über Belgien

Weitere Beispiele wie Neuseeland zeigen ebenfalls, dass Entkriminalisierung die Arbeitsbedingungen verbessern kann.

Politische Veränderungen entstehen nicht allein durch Argumente.

  • Sie entstehen dort, wo Menschen sich organisieren
  • und ihre Interessen gemeinsam vertreten.

Die Initiative: Sexarbeitende bei ver.di vernetzen

Genau deshalb entsteht derzeit eine Initiative von Sexarbeitenden, die sich innerhalb von ver.di vernetzen und organisieren möchten. Das Ziel ist klar: Sexarbeitende sollen nicht nur Gegenstand politischer Debatten sein – sondern selbst Teil der Strukturen werden, in denen über ihre Arbeit entschieden wird.

Wichtig: Für eine Mitgliedschaft bei ver.di muss sich niemand als Sexarbeiter*in outen. Es ist möglich, einen anderen Beruf anzugeben und sich trotzdem in der Selbstorganisation innerhalb der Gewerkschaft zu engagieren.


Wie du dich beteiligen kannst

Online-Infoabend mit ver.di

30. April 2026, 18–19 Uhr

Mit Juliane Elpelt, Gewerkschaftssekretärin für Frauen- und Gleichstellungspolitik bei ver.di Hessen

Fragen u.a.: Wie funktioniert eine ver.di-Mitgliedschaft? Welche Unterstützung gibt es konkret? Wie können wir uns innerhalb von ver.di organisieren?

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Mitglied bei ver.di werden Telegram-Vernetzungsgruppe

Pallas Athene

Autor*in:Pallas Athene arbeitet seit über 15 Jahren in der Sexarbeit und lebt in Frankfurt am Main. Sie ist Aktivistin, Speakerin und im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen engagiert.