Freier sind Täter - und jetzt

Eure Abscheu ist keine Solidarität.

Ich hab lange genug in Bordellen gearbeitet, um die feministische Kritik am sogenannten Freiertum nachvollziehen zu können. Ich selbst stehe Männern und auch der Sexarbeit im Allgemeinen kritisch gegenüber.

Ich verstehe, dass Menschen Abneigung gegen Freier/Männer empfinden und sich Sexarbeit niemals für sich selbst vorstellen können. Das ist okay, jede Person soll ihre eigene Meinung und ihre eigenen Empfindungen behalten dürfen. Nur ist damit noch keiner sexarbeitenden Person geholfen.


Empörung ist noch keine Hilfe

Denn leider geht die Analyse häufig nicht über pauschale Täterzuschreibungen oder Gewaltdefinitionen hinaus. Der Aufschrei verstummt, sobald man nach konkreten Lösungsansätzen fragt. Häufig folgen dann repressive Forderungen, welche wissenschaftliche Erkenntnisse und die Perspektiven von Sexarbeiter*innen außer Acht lassen. Sexarbeit soll dann einfach verboten werden. Dass das den Sexarbeitenden aber eigentlich schadet, interessiert dann meist gar nicht mehr.

Was sich dadurch nicht verbessert: Sichere Arbeitsbedingungen, bezahlbarer Wohnraum, Aufenthaltsrechte und finanzielle Unabhängigkeit.

Die Abscheu gegenüber Freiern verbessert weder unsere Lebensbedingungen noch schafft sie sichere Arbeitsbedingungen, bezahlbaren Wohnraum, Aufenthaltsrechte oder finanzielle Unabhängigkeit.


Wir brauchen Rechte statt moralischer Empörung

Wenn Freier/Betreiber/Männer uns schlecht oder unfair behandeln, dann brauchen wir keine moralische Empörung, sondern durchsetzbare Rechte, soziale Absicherung und echte Handhabe.

Vor allem aber brauchen wir Solidarität.

Solidarität findet dann aber meist nur noch innerhalb eines ideologischen Rahmens statt, in dem ein Verbot bereits als Lösung feststeht. Statt andere Lebensrealitäten ernst zu nehmen, wird die eigene Abscheu zum Maßstab einer Gesetzgebung. Die schwerwiegenden Folgen repressiver Politik werden dann billigend in Kauf genommen.

So werden wir zum Kollateralschaden einer Ideologie, die vorgibt, uns befreien zu wollen, uns stattdessen aber nur unsichtbarer und weniger anstößig macht.


Solidarität muss unsere Lebensrealität ernst nehmen

Echte Solidarität würde bedeuten, trotz der Abscheu und des Hasses auf unsere Kund*innen für eine Politik zu kämpfen, die Sexarbeitende in eine Situation versetzt, in der sie sich durch mehr Handhabe und Absicherung tatsächlich sicherer fühlen würden.

Schutzgesetze müssen daran gemessen werden, ob sie den Betroffenen tatsächlich helfen können. Die eigenen Empfindungen dürfen echtem Schutz nicht im Weg stehen.

Sexarbeit ist Arbeit.

Sexarbeit ist Arbeit, was nicht gleich bedeutet, dass es gute Arbeit ist. Sexarbeit ist vielfältig und unzählige Menschen überleben mit diesen Tätigkeiten im Kapitalismus.

Das muss euch nicht gefallen.

Aber eure Abscheu gegenüber unserer Arbeit und den Freiern darf euch nicht davon abhalten, solidarisch mit uns zu sein und uns Rechte zu gewähren.

Anne Bonny

Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.