https://linke-fuer-selbstbestimmung.de/blog/sie-hassen-es-wenn-wir-fuer-uns-selbst-sprechen

Ich bin Sexarbeiterin. Und ich hab mich lange dafür geschämt, diese Worte offen auszusprechen. Mehr als 10 Jahre habe ich keinem Menschen erzählt, womit ich mein Geld verdiene, nichtmal einer Ärztin. Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis ich den Mut fand, mich mit meiner Geschichte der Öffentlichkeit auszusetzen. Aber obwohl ich heute das Schweigen gebrochen habe, ist der Kampf um meine eigene Stimme noch lange nicht gewonnen.

Denn Prostitutionsgegner*innen hassen es, wenn wir Sexarbeitenden uns aus der Opfererzählung befreien, für uns selbst sprechen und ihrer politischen Strafrechts-Agenda widersprechen. Wer es wagt, den geläufigen Opfer-Narrativen zu widersprechen und Rechte statt Verbote zu fordern, dem blühen Beleidigungen, Diffamierungen und sogar Gewaltwünsche.

Sobald man als Sexarbeiter*in spricht und dabei kein Verbot von Sexarbeit fordert, begegnen einem Menschen, die alles dafür tun, damit man wieder in Scham und Angst versinkt und den Mund hält.

Vorwürfe wie: Man sei „zu privilegiert“, um gehört zu werden, nicht repräsentativ, völlig verblendet oder hätte noch gar nicht verstanden, wie traumatisiert man wirklich sei, stehen an der Tagesordnung. Außerdem stütze man das Patriarchat, mache Politik auf dem Rücken anderer Frauen oder sei von der sogenannten Zuhälterlobby bezahlt. Man solle doch selbst erstmal Gewalt und Vergewaltigung erleben, um zu verstehen, was „die Anderen“ durchmachen.

Dabei haben die meisten Sexarbeitenden eine bittersüße Geschichte zu erzählen. Viele von uns erleben Gewalt, Abwertung, Erniedrigung und/oder Ausbeutung. Aber viele von uns sind auch starke, resiliente und stolze Menschen, die sich nicht auf ihre Betroffenheiten reduzieren lassen wollen.

Wir wollen auch von unserer Stärke, unserem Kampf und den schönen Momenten in unserem Leben erzählen dürfen. Wir sind nämlich viel mehr als Sexarbeitende.

Wer darf die Geschichte der Sexarbeit erzählen?

Wie schnell unsere Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird, zeigte sich z.B. am Beispiel der Ausstellung „Objects of desire“ in der Bundeskunsthalle. Hier kuratierte eine internationale Gruppe von Sexarbeitenden eine Ausstellung über die Kulturgeschichte der Sexarbeit. Sie handelte von Prekarität, Gewalt, Kolonialismus, Rassismus, Stigmatisierung und Repression. Aber sie zeigte auch eine andere Seite der Sexarbeit. Nämlich die von dem Kampf um unsere Rechte, von Trotz und Stolz und von Zusammenhalt. Sie ehrte unsere Vorkämpfer*innen und zeigte uns als das, was wir sind: Menschen mit komplexen und teils widersprüchlichen Geschichten.

Den Prostitutionsgegner*innen gefiel das so wenig, dass sie mehrere Demonstrationen organisierten und das Museum unter massiven Druck setzten. Auf Social Media entrüsteten sie sich darüber, wie man beim Thema Prostitution überhaupt über etwas anderes sprechen könne als über Gewalt und Vergewaltigung.

Die Realitäten, die in der Ausstellung abgebildet werden, dürften nicht gezeigt werden. Die Ironie, dass diese Retter*innen da gegen die eigentlich zu rettende Gruppe demonstrieren, bleibt unbesprochen.

Das Ganze ist natürlich kein Zufall, sondern politische Praxis. Der Kampf für „Eine Welt ohne Prostitution“ ist hoch ideologisch und wird sehr emotional geführt. Es geht um Moral, Sexualität, Körper und persönliche Grundsätze. Themen, bei denen sich Feminist*innen seit Jahrzehnten um die alleinige Deutungshoheit streiten.

Was die selbsternannten Retter*innen für eine Motivation haben, so sehr gegen Betroffene vorzugehen, kann ich nur erahnen. Fakt ist, dass sie einen wahren Krieg darum führen, vorgeben zu dürfen, wann Betroffene Gewalt erfahren, was sie fühlen sollten und was sie brauchen.

Die Betroffenen selbst, für die sie vorgeben zu kämpfen, kommen dabei so gut wie nicht zu Wort und bleiben unsichtbar. Oft wird erklärt, sie sprächen nicht genug Deutsch oder seien zu traumatisiert, um für sich selbst zu sprechen. Sie werden zur unsichtbaren Masse und zum politischen Problem.

Welche Stimmen werden gehört?

Aber wenn Menschen, die zu betroffen sind, nicht sprechen, und Menschen, die trotz ihrer Betroffenheit sprechen wollen, aber nicht dürfen: Wer bleibt dann noch?

Es gibt einzelne „Aussteiger*innen“, die lassen die Prostitutionsgegner*innen gerne auf Podien sprechen. Eine der bekanntesten Gesichter ist Huschke Mau. Und hier wird auch schnell klar, dass es gar nicht um Privilegien oder Herkunft geht, sondern nur darum, WAS man erzählt.

Huschke beschreibt ihre Erfahrungen vollständig als Gewalt und andauernde Vergewaltigung. Sie kämpft für das Nordische Modell und damit auch für Forderungen der anderen Prostitutionsgegner*innen. Sie ist weiß mit deutschem Pass und hoch akademisiert. Schreibt eigene Bücher und macht gute Medienarbeit und scheint sehr gut vernetzt.

Ihre Erfahrungen und Empfindungen sind selbstverständlich legitim. Niemand hat das Recht, ihr diese abzusprechen. Aber es ist ein Problem, dass ihr Erleben zum Maßstab für alle gemacht wird, während widersprechende Stimmen delegitimiert werden.

Huschkes Stimme wird als repräsentativ verkauft und nicht weiter hinterfragt. Anscheinend fallen da die vielen Privilegien gar nicht mehr ins Gewicht, sobald Betroffene die Geschichte erzählen, die man hören möchte.

Betroffenen muss zugehört werden, aber ihre Stimmen dürfen – genau wie alle anderen Stimmen – nicht zum alleinigen Marker für Gesetze oder Politik werden. Auch als Betroffene müssen wir wissenschaftliche Fakten anerkennen und müssen Respekt vor den Lebensrealitäten anderer Menschen haben und uns selbst reflektieren.

Unter dem Druck nicht einzuknicken kostet viel Kraft und ich habe Respekt vor jeder Aussteiger*in, jeder ehemaligen oder aktiven Sexarbeitenden Person, die sich dieser Debatte aussetzt – egal, was sie erzählt. Aber wir dürfen unsere Betroffenheiten nicht gegeneinander ausspielen oder gegeneinander ausspielen lassen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.

Wir werden nicht mehr schweigen

Ebenso schwierig finde ich es, wenn Betroffene mit Diffamierungen und Hetzkampagnen gegeneinander vorgehen, nur weil Meinungen oder Sichtweisen verschieden sind. Keine*r von uns ist vollkommen frei, solange wir nicht alle frei sind.

Und tatsächlich hab ich heute auch immer noch manchmal Angst, mich öffentlich zu zeigen und öffentlich zu sprechen. Die Scham sitzt tief in meinen Knochen und in meinem Kopf. Aber ich bin in den vielen Jahren auch viel mutiger geworden.

Es war ein harter und langer Weg, mit vielen Enttäuschungen und Schmerz, aber auch mit ganz viel Kraft und Solidarität. Und ich sehe es auch echt nicht mehr ein, meinen Mund zu halten.

Weil ganz ehrlich? F!ck dich Stigma, und f!ck dich Gesellschaft, die auf Sexarbeitende herunterschaut und uns zu Rettungsobjekten, „absoluten Opfern“ und „gefallenen Frauen“ stilisiert.

Ich werd nicht mehr still sein und ich werd nicht mehr Andere für mich sprechen lassen. F!ck dich, einfach an jeden, der versucht, uns mundtot zu machen.

Anne Bonny

Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.