Anne Bonny

Zu oft wird über Sexarbeit gesprochen, ohne Sexarbeiter*innen zu hören. Unsere Erfahrungen werden relativiert oder in Frage gestellt, während andere über unsere Arbeitsbedingungen und Leben entscheiden. Dabei sind es Sexarbeiter*innen selbst, die diese Branche am besten kennen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Selbstvertretung: Eine Sexarbeiterin und Aktivistin schreibt über eigene Erfahrungen und ordnet sie politisch ein, nicht stellvertretend für alle, sondern aus gelebter Praxis heraus.

Immer wieder werde ich in meinen Workshops gefragt, ob man „Konsens denn kaufen könne" und ob es tatsächlich möglich sei, „wirklich freiwillig“ in der Sexarbeit zu arbeiten. Prostitutionsgegnerinnen1 behaupten immer wieder, man könne Konsens nicht kaufen, und ökonomischer Druck führe dazu, dass Sexarbeiter*innen nicht frei entscheiden könnten und daher auch nicht freiwillig arbeiten oder Sex haben würden. Sie fordern daher eine Kund*innenkriminalisierung und wollen Sexarbeit faktisch verbieten.

Meiner Meinung nach ist das eine stark vereinfachte und problematische Verwendung des Begriffes Freiwilligkeit. Im rechtlichen Sinne bedeutet Freiwilligkeit „ohne Zwang, Drohung oder Alternativlosigkeit“, aber so einfach ist es nicht. Denn Freiwilligkeit ist ein hoch philosophischer Begriff, der besonders in Bezug auf den Kapitalismus immer genau eingeordnet werden muss.

Ich jedenfalls bin in meinem Leben nie freiwillig arbeiten gegangen, ich musste arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich mache auch nicht freiwillig aktivistische Arbeit, sondern ich halte es für zwingend notwendig, gegen die strukturelle Gewalt und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen zu kämpfen, da ich mich und das Leben so vieler anderer bedroht sehe. Wenn ich es mir tatsächlich aussuchen könnte, würde ich den ganzen Tag an einem Strand in Asien liegen, Rum auf Eis trinken und mich ab und zu in der Sonne wenden. Ohne sozialen Druck würde ich mich wahrscheinlich nie schminken, mir keine unfreiwilligen Sorgen über das Aussehen meines Körpers machen oder mich um irgendeine meiner ungeliebten Verpflichtungen kümmern. Vielleicht wäre mir irgendwann langweilig, und wenn ich es mir aussuchen dürfte, wäre ich dann gerne Astrophysikerin. Aber leider hat meine schulische Leistung für diese Art Berufe nie ausgereicht, deswegen habe ich erst bei Burger King an der Kasse gearbeitet und dann mit der Sexarbeit begonnen. Freiwillig? Naja … es war zu diesem Zeitpunkt meine beste Alternative.

Freiwilligkeit und Selbstbestimmung im Kapitalismus

In einer kapitalistischen Gesellschaft, unter ökonomischem und sozialem Druck, ist kaum eine Form von Lohnarbeit oder Handlung vollständig freiwillig. Die meisten Menschen arbeiten nicht, weil sie ihre Tätigkeit lieben, sondern weil sie Geld zum Leben brauchen. Prekäre Beschäftigung, niedrige Löhne, unsichere Arbeitsverhältnisse und fehlende soziale Absicherung betreffen Millionen Menschen: in Pflege, Reinigung, Logistik, Gastronomie, Landwirtschaft, auf dem Bau (u. v. m.) und ja, auch in der Sexarbeit.

Prekarität ist also kein Sonderproblem der Sexarbeit, sondern ein strukturelles Problem von Armut, Ausgrenzung und fehlenden Rechten. Und natürlich muss allen Menschen in prekären Lebenslagen geholfen werden, unabhängig davon, in welcher Branche sie arbeiten. In den meisten Branchen gibt es darüber auch keine Diskussion, anders ist es, wenn es um Sexarbeit geht. Doch gerade diese marginalisierte Gruppe pauschal zu „passiven Opfern“ zu erklären und ihnen durch Mehrkriminalisierung ihre letzten Handlungsspielräume zu nehmen, verbessert nicht deren Situation, sondern macht sie um ein Vielfaches schwerer und gefährlicher.

Statt über das zu sprechen, was Menschen wirklich brauchen, nämlich gute Sozialpolitik, sichere Bleiberechte, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Entkriminalisierung, existenzsichernde Einkommen und echte Alternativen auf dem Arbeitsmarkt, wird über Moral, Verbote und Repression diskutiert. Und genau dadurch verpassen wir die eigentlichen Lösungen.

Ökonomischer Druck schließt Selbstbestimmung nicht aus

Der feine Unterschied zwischen ökonomischem Druck und Gewalt und/oder Zwang ist zentral für die De-batte um Sexarbeit, weil sie genau an dieser Grenze verläuft. Sexarbeit wird oft vorschnell mit Gewalt oder Nötigung gleichgesetzt, doch analytisch ist es wichtig, diese Ebenen auseinanderzuhalten.

Zwang im engeren Sinne liegt vor, wenn eine Person durch unmittelbare Gewalt, Drohungen oder Freiheitsentzug zu einer Handlung gebracht wird, etwa durch Menschenhandel, Erpressung, psychische oder physische Gewalt. In solchen Fällen wird der eigene Wille ausgeschaltet; die Handlung ist nicht Ausdruck einer Entscheidung, sondern das Resultat direkter Fremdbestimmung. Das ist unstrittig, und genau deshalb sind Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und sexualisierte Gewalt bereits heute strafbar.

Ökonomischer Druck funktioniert anders. Wer unter Bedingungen lebt, in denen Alternativen fehlen (etwa wegen Armut, fehlender sozialer Absicherung, Diskriminierung oder prekärer Arbeitsmärkte), trifft Entscheidungen innerhalb eines stark eingeschränkten Möglichkeitsraums. Wenn eine Person mit Sexarbeit ihr Geld verdient, weil andere Jobs schlechter bezahlt sind, nicht zugänglich oder mit noch größerer Belastung verbunden wären, ist das keine Gewalt im klassischen Sinne. Es gibt keine einzelnen Täter*innen, keinen Moment, in dem eine konkrete Drohung ausgesprochen wird, und es erfolgt keine Konsequenz aus psychischer oder physischer Gewalt. Trotz des ökonomischen Drucks ist die Entscheidung real und die Person, die sie trifft, mündig, auch wenn die Entscheidungen unter strukturellen Missständen verzerrt werden und vielleicht die Selbstbestimmung von einer privilegierteren Perspektive aus nur schwer erkennbar ist.

Wann darf ich „Ja“ zu sexuellen Handlungen sagen?

Da wir nicht in einer idealen, sondern in einer sehr realen Welt leben und wir hundert Jahre über die Bedeutung von wahrhaftiger Freiwilligkeit philosophieren könnten, darf die Frage zu Konsens in der Sexarbeit nicht nur lauten: „Machst du das wirklich freiwillig?“, sondern: „Dürfen mir andere Menschen vorschreiben, wann, warum und mit wem ich Sex habe, und wann mein Einverständnis als gültig oder gut genug gilt, und wann nicht?“

Denn sobald wir anfangen zu bewerten, warum ein Mensch zustimmt, verlassen wir den Boden der Selbstbestimmung. Dann geht es nicht mehr um Freiwilligkeit, sondern um moralische Kontrolle. Wenn uns diktiert wird, aus welchen Gründen wir Konsens geben dürfen, landen wir sehr schnell bei konservativen Sexualnormen, wie:

  • Sex ist nur legitim mit der einen wahren Liebe.
  • Sex ist nur legitim in Beziehungen.
  • Sex ist nur legitim in der Ehe.
  • Sex ist nur legitim, wenn er emotional richtig motiviert ist.

Meiner Meinung nach wäre das kein feministischer Fortschritt, sondern ein moralischer Rückfall, der in dieselbe Kerbe schlägt wie die „neue christlich-rechte Purity Culture“, „Tradwife Trends“ und die Frage nach dem „Body Count“.

Menschen haben unterschiedliche Gründe, Sex zu wollen oder ihm zuzustimmen: sexuelle Lust, Nähe, Neugier, Langeweile, emotionale Bindung, Bestätigung, finanzielle Sicherheit (nicht nur in der Sexarbeit, sondern auch in vielen anderen Beziehungsformen) u. v. m. Keine dieser Motivationen ist per se richtiger oder echter als eine andere. Sobald der Staat oder die Gesellschaft beginnen, Motivationen zu hierarchisieren, wird Konsens nicht mehr geschützt, sondern reglementiert und Selbstbestimmung infrage gestellt.

Wir fragen dann nicht mehr: „Willst du das?“, sondern: „Willst du das aus den richtigen Gründen?“ Und diese Frage darf niemand stellen, der Selbstbestimmung ernst nimmt und schützen will.

Wenn man mich also fragt, ob man „wirklich freiwillig als Sexarbeiter*in arbeiten könnte“, dann sage ich: „Jaein, und das würde ich auch über jede andere Lohnarbeit sagen.“

Anne Bonny - Sexarbeits-Aktivistin, Die Linke Berlin
Instagram: @anne.bonny.berlin
1 wie z.B. auf der Webseite des Bündnis Nordisches Modell oder der Linken gegen Prostitution
Anne Bonny

Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.