Banner: Soziale Arbeit und Sexarbeit

Im öffentlichen Diskurs (jenseits von Kreisen des Fachpersonals, von Sexarbeiter*innen selbst, sowie von Expert*innen aus Forschung und Selbsthilfe) geistern immer wieder zwei polarisierende und massiv vereinfacht dargestellte Archetypen von Frauen der Sexarbeit herum:1

Auf der einen Seite beschreibt man die privilegierte, den Schönheitsnormen entsprechende Femme Fatale, die im „Happy-Hooker"-Lifestyle täglich Champagner trinkt und ein Jetset-Leben in der ersten Klasse mit ausschließlich massiv reicher Kundschaft führt.

Auf der anderen Seite steht das arme, passive, traumatisierte, geschundene und hilflose, oft migrantisierte Opfer, dass ohne Handhabe die Arbeit über sich ergehen lässt.

Beide Darstellungen sind zwar auch real, aber bilden bei weitem nicht die Mehrheit und die Diversität aller Sexarbeitenden ab. So wirken sie massiv stigmatisierend und degradierend auf eine ohnehin schon marginalisiert Menschengruppe ein.

Diese Bilder werden entweder benutzt, um Sexarbeiter*innen als „Elite und zu privilegiert" politisch mundtot zu machen, oder um mit schockierenden Gewalt- und Foltergeschichten Aufmerksamkeit zu erzeugen. Christlich-konservativen Akteur*innen und radikalen strafrechtsfeministischen Strömungen, die die Kriminalisierung von Sexarbeit, ihrer Kooperationspartner*innen und aller ihnen nahestehenden Menschen vorantreiben wollen, nützt diese Polarisierung natürlich sehr.

Dieses gegenseitige Ausspielen zweier künstlich erzeugter, gegensätzlicher Bilder von Sexarbeitenden funktioniert inzwischen so gut, dass mittlerweile sogar nachweislich unprofessionelle und gefährliche Organisationen staatliche Gelder erhalten, um angeblich traumatisierte Menschen zu „therapieren" und zu betreuen. Dabei werden deren Klient*innen oft isoliert und unter Druck gesetzt.

Inmitten der allgemeinen Gleichgültigkeit der Gesellschaft ist es diesen Akteur*innen möglich sich als Märtyrer*innen zu inszenieren, die sich mit ihren „sozialen" Projekten für die „verstoßenen Opfer" einsetzen. Applaus und Bravo für jene „heldenhaften" Sozialarbeiter*innen, die mit der Liebe zu Jesus Christus und staatlicher Repression, Sexarbeiter*innen auch mit Freude abschieben würden – solange dies bedeutet, dass ab jetzt nur noch umsonst gefickt wird.

Dabei wird konsequent vergessen, dass Sexarbeit für viele marginalisierte Menschen eine Überlebensstrategie ist, da sie durch eine oft mehrfach marginalisierung (Krankheit, Migration, Hautfarbe uvm.) auf dem „regulären Arbeitsmarkt" gar nicht zugelassen, bzw. massiv diskriminiert werden. Ihnen diese Überlebensstrategie zu nehmen, ohne sie dazu zu befragen und ohne die strukturellen Probleme unseres Systems anzugehen, hat nichts mit Rettung zu tun, sondern nur mit moralischer, bevormundender Kontrolle.

Eine vorbelastete Geschichte der sozialen Arbeit – insbesondere mit Frauen

Ebenfalls verschwiegen wird die problematische Geschichte und Rolle der sozialen Arbeit mit Bezug auf Frauen und insbesondere Sexarbeit. Ethische Sozialarbeit, die auf notwendigen Grundprinzipien basiert kann die Kriminalisierung von Sexarbeit nicht vertreten. Trotzdem wird sie nur allzu häufig als Alibi und Schutzschild für fundamental antidemokratische Propaganda genutzt.

Soziale Arbeit hat eigentlich das Ziel, Menschen zu helfen und ihre Selbstbestimmung zu fördern. Ohne eine ehrliche Reflexion des Machtgefälles zwischen Sozialarbeiter*innen und Klient*innen kann sie jedoch schnell schädlich werden.

Wirft man einen Blick auf die Geschichte, wurden Frauen die Sexualität außerhalb der Ehe lebten, uneheliche Kinder hatten oder psychische Erkrankungen aufwiesen, von sozialen Einrichtungen kontrolliert, umerzogen und bestraft. Im Nationalsozialismus dienten Frauenhilfe-Einrichtungen gezielt dazu, Frauen ausschließlich auf die Rolle der arischen Ehefrau und Mutter vorzubereiten.

Heute ist diese historische Kontrolle weiterhin relevant. Viele Organisationen verknüpfen Hilfe und Unterstützung direkt mit dem Ausstieg aus der Sexarbeit. Wer weiter arbeiten will, wird oft nicht offen beraten, sondern unter Druck gesetzt. Hinzu kommen dann wieder die polarisierenden Bilder: Sexarbeiter*innen werden einfach als „unmündig", „moralisch fragwürdig" oder als „passive Opfer" abgestempelt.

Dass die Grundprinzipien der sozialen Arbeit „Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Hilfe" oft nicht unabhängig von moralischen Urteilen umgesetzt werden, zeigt sich besonders darin, dass heute immer noch viele Sexarbeiter*innen, sollten sie weiterarbeiten wollen, von Frauenhäusern und sozialen Projekten abgewiesen werden, obwohl sie dringend Unterstützung benötigen.

Diese Beispiele sollen die Erfolge der Frauenbewegung (etwa Frauenhäuser, die Frauen und Kinder vor Gewalt schützen) nicht schmälern. Sie zeigen jedoch, dass Machtgefälle, moralische Kontrolle und Vorurteile bis heute nachwirken.

Prinzipien der sozialen Arbeit

Der deutsche Berufsverband für soziale Arbeit e.V. spricht von verschiedenen Grundprinzipien, die der sozialen Arbeit zu Grunde liegen müssen. Darunter die Notwendigkeit das Recht auf Selbstbestimmung zu beachten, jeden Menschen ganzheitlich zu sehen und Verschiedenheiten anzuerkennen2. Das man alle Menschen aufgrund der eigenen Moralvorstellungen pauschal zu passiven Opfern macht, welche handlungsunfähig auf die Hilfe selbsternannter Retter*innen angewiesen sind, kann in keinem dieser Grundprinzipien wiedergefunden werden.

Natürlich gibt es Situationen, in denen auch erwachsene Menschen Hilfe benötigen, um sie verlassen zu können. Insbesondere, wenn sie von Armut, gesellschaftlichem Ausschluss und Stigmatisierung betroffen sind. Ethische Sozialarbeit muss allerdings auch unter immens schwierigen und prekären Lebensumständen, als ein Instrument zur Selbsthilfe in ein selbstbestimmtes Leben dienen und dazu, die Handlungsmöglichkeiten dahingehend aufzuzeigen.

Bereits im Jahr 2011 hat die Bundesregierung eine Ausschreibung für Modellprojekte zur „Unterstützung zum Ausstieg aus der Prostitution"3 verfasst. Nach den drei Jahren Projektlaufzeit wurde eine Evaluation der Erkenntnisse verfasst. Das Resultat: Es gab kaum Klient*innen, die den Wechsel in andere Formen der Lohnarbeit machten. Und die wenigen, die es doch geschafft hatten gingen oftmals wieder zurück in die Sexarbeit. Trotz Prekarisierung, unguter Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Stigmatisierung wurde Sexarbeit von der Mehrheit der Menschen immer noch als die bestzugängliche Option gesehen.

Auch wenn es einige (privilegierte) Menschen gibt, die sich unter keinen Umständen vorstellen können jemals Sexarbeit zu machen, so gibt es genügend arme Menschen, die menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Ernte, Reinigungsarbeiten, Baustellen und Handwerk, Fleischereien, u.v.m. bereits sehr gut kennen, sodass vergleichsweise besser bezahlte Sexarbeit keine so abschreckende Wirkung hat.

Im Jahr 2021 wiederholte die Bundesregierung die Ausschreibung für Modellprojekte zur „Unterstützung zum Umstieg aus der Prostitution" und erbrachte auch eine neue Evaluation4. Heraus kamen die selben Ergebnissen wie zuvor: Kaum eine Person konnte (obgleich intensiver Beratung und Betreuung durch Sozialarbeitende) den Job wechseln; Und von denen die es doch trotz aller Hürden schafften, gingen auch dieses Mal am Ende viele wieder zurück.

In dem dazu veröffentlichten Leitfaden für Sozialarbeitende, welche zu einem beruflichen Umstieg beraten, lässt sich folgendes Zitat finden: „Beständigkeit und Fokus auf langfristige Vertrauensarbeit sind entscheidend. Die direkte Ansprache des Themas Umstieg sollte sorgfältig abgewogen werden, um der persönlichen Entscheidung nicht vorzugreifen."

Sozialarbeitende mit einem reflektierten Verständnis über ihren Arbeitsauftrag werden in solchen Situationen niemals ihren Klient*innen sagen „Du musst damit aufhören!" oder „Du bekommst nur Unterstützung, wenn du nicht mehr Anschaffen gehst!".

Von einer privilegierteren Perspektive aus, erscheint es vielleicht schwierig, selbst unter prekären Lebensbedingungen noch eigene Entscheidungen treffen zu können. Aber für die meisten Menschen die prekär Leben ist es umso wichtiger ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zu haben und dort wo es (obgleich strukturellen Missständen) möglich ist, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Ethische Sozialarbeit muss bei diesen Entscheidungsfindungen individuell unterstützen, anstatt Menschen pauschal zu Opfern zu degradieren und Verbote zu fordern, die nachweislich nur Leid und noch mehr Unsicherheit mit sich bringen.


1 Dass alle Genderidentitäten in den Bereichen der sexuellen Dienstleistungen sowohl auf dienstleistenden, als auch auf dienstnutzender Seite vertreten sind, wird leider immer wieder unterschlagen, und kommen in der Darstellung im öffentlichen Diskurs nicht oder kaum vor.

2 https://www.dbsh.de/media/public/dbsh-www/downloads/grundlagenheft_-PDF-klein_01.pdf

3 https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/95442/9cf9511e4b18c27ef7d71b24f866dd60/unterstuetzung-des-ausstiegs-aus-der-prostitution-kurzfassung-deutsch-data.pdf

4 https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/245770/60161ce020e1d21a7ed2b7cb81094e27/unterstuetzung-des-umstiegs-aus-der-prostitution-data.pdf

Nadja Zillken

Autor*in:Nadja ZillkenExpertin mit langjähriger NGO-Erfahrung, Sprecherin für Bildungsformate mit Bezug auf FLINTA*, Feminismus, sexuelle und reproduktive Gesundheit und Sexarbeiter*innenrechte