Ich steh auf feministische Musik – Songs, die cis Männer in ihre Schranken weisen und dabei auch mal übertreiben dürfen. Ich feiere Ikkimel für ihren sogenannten Männerhass, und ich find's richtig, dass Musiker*innen wie Sookee und Mariybu uns musikalisch das zurückholen, was uns genommen wurde. Genau das brauchen wir. Deshalb war ich bisher auch Fan von Liser. Doch mit ihrem neuen Song "Sexkaufverbot" verfehlt sie die cis Männer nur knapp – und trifft stattdessen eine der stigmatisiertesten Gruppen unserer Gesellschaft: Sexarbeiter*innen. Ihre Reaktion darauf: kein Funke Selbstreflexion.
Fangen wir mal mit was Positivem an: Lisers neuer Song trifft einen Nerv. Er kritisiert männliches Anspruchsdenken, Grenzüberschreitungen, die Selbstverständlichkeit, mit der cis Männer glauben, Körper stünden ihnen zu. Diese Kritik ist berechtigt, viele werden sich darin wiederfinden. Das Problem beginnt dort, wo der Song Sexarbeit mit hineinzieht. Statt beim Verhalten der Männer zu bleiben, macht er unsere Arbeit zur Projektionsfläche für genau diese Kritik: Aus männlichem Fehlverhalten wird ein Argument gegen die Rechte von Sexarbeitenden, und aus Sexarbeitenden werden Personen, denen jede Handlungsmacht abgesprochen wird.
Im Song wird Sexarbeit fast ausschließlich über Gewalt erzählt: Druck, Grenzüberschreitungen, Kondomverweigerung. Und ja, diese Gewalt existiert – überall, nicht nur in der Sexarbeit. Aber gerade deshalb brauchen wir mehr Rechte. Wir kämpfen tagtäglich für mehr Respekt, gegen Stigmatisierung – und gegen das von Liser besungene "Sexkaufverbot", das Gewalt nicht verhindert, sondern verschärft.
Dazu kommen die Sexarbeitenden in den Lyrics nie als handelnde Menschen vor, sondern ausschließlich als Opfer. Am deutlichsten in der Zeile „Hätt sie eine, wär sie nicht dabei" – naheliegend gemeint: Hätte sie eine Wahl, bräuchte sie das Geld nicht, wäre sie nicht in der Sexarbeit. Und ja, bräuchten wir kein Geld, würden wir nicht arbeiten – so einfach ist das eigentlich. Nur wird genau das im Song so verkürzt dargestellt, dass uns jede Handlungsmacht abgesprochen wird.
Internalisierte Sexarbeitsfeindlichkeit und Doppelmoral
Wer behauptet, Sexarbeit könne grundsätzlich keine autonome Wahl sein, spricht uns Konsens, Autonomie und Mündigkeit ab. Genau darauf baut das Narrativ „Konsens kann man nicht kaufen" auf – und genau daraus folgt das „Sexkaufverbot". Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob unsere Entscheidungen unter perfekten Bedingungen entstehen, sondern ob Sexarbeitenden überhaupt Handlungsmacht zugestanden wird.
Das Sexkaufverbot ist keine neutrale Forderung, sondern die Kernforderung des nordischen Modells, das vor allem von CDU und Evangelikalen vorangetrieben wird. Kriminalisiert wird angeblich nur der Kunde – die realen Folgen tragen aber die Sexarbeitenden: weniger Sicherheit, mehr Repression, schlechtere Arbeitsbedingungen. Migrantische Sexarbeitende zahlen dabei einen besonders hohen Preis, durch mehr Abschiebedruck und Repression. Der Staat nennt das dann "Schutz" und inszeniert sich als Retter.
Schon vor dem Release wurde Liser von Sexarbeitenden, Selbstorganisationen und Beratungsstellen kritisiert. Ihre Reaktion blieb immer dieselbe: Sie habe es doch nur gut gemeint, sei solidarisch mit Sexarbeitenden, auf keinen Fall ein SWERF. Mit Verlaub, das ist kompletter Bullshit. Denn genau das ist verinnerlichte Sexarbeitsfeindlichkeit – sie zeigt sich selten als offene Abwertung, sondern meist als vermeintlicher Schutz, verpackt in gut gemeinte Kommentare. Man kann nicht solidarisch mit Sexarbeitenden sein und gleichzeitig Narrative verbreiten, die ihnen Handlungsmacht und Selbstbestimmung absprechen.
In anderen Debatten ist längst klar: Politik wird nicht daran gemessen, was jemand beabsichtigt, sondern daran, was sie bewirkt. Gute Absichten machen diskriminierende Narrative nicht weniger schädlich. Würde eine nicht migrantische Feministin migrationsfeindliche Narrative übernehmen und behaupten, damit Migrant*innen schützen zu wollen – die Sachlage wäre sofort klar. Warum gilt dieser Maßstab ausgerechnet bei Sexarbeitenden nicht mehr?
Für viele sind wir einfach keine Menschen, sondern ein politisches Problem
Vielleicht, weil Sexarbeitende noch immer nicht als politische Subjekte wahrgenommen werden. Andere sprechen über uns, entscheiden über uns, erklären uns, was gut für uns sei. Widersprechen wir, sind wir zu laut, zu emotional, zu unbequem. Viele erhöhen sich moralisch über uns und verkaufen das als Feminismus – sprechen über Machtverhältnisse, ohne die eigenen zu reflektieren, über Solidarität, aber nur, solange die nichts kostet. Für viele sind wir einfach keine Menschen, sondern ein politisches Problem, das gelöst werden muss.
Dabei geht es mir nicht darum, jeder Person, die solche Narrative übernimmt, bewusste Absicht zu unterstellen. Die Erzählungen rund ums Sexkaufverbot, das "Bordell Europas" und die Kriminalisierung sind längst tief in Medien, Politik und auch feministischen Diskursen verankert – deshalb reproduzieren sie auch Menschen, die sich selbst als solidarisch verstehen. Wir müssen wachsam bleiben, welche Narrative wir übernehmen und normalisieren. Der Rechtsruck beginnt nicht erst bei offen menschenfeindlichen Forderungen. Er beginnt dort, wo ausgrenzende Ideen als scheinbar harmlose Schutzargumente verpackt werden – und man aufhört, sich selbst zu hinterfragen.
Wie vorhersehbar, wird der Song jetzt von SWERFs und TERFs als Munition genutzt, um Sexarbeitende zu entrechten, zu bevormunden und zu diffamieren. Den sexarbeitsfeindlichen Kampagnen ist Lisers persönliche Intention egal – sie nehmen sich die Schlagworte und Narrative, die ihre Agenda stärken, und lassen den Rest liegen. Liser selbst muss mit den Folgen davon nicht leben. Sie kann schweigen, sich auf ihre guten Absichten berufen und weitermachen, als sei nichts gewesen. Den Preis zahlen andere: Sexarbeitende, deren Rechte gerade wieder ein Stück mehr infrage gestellt werden.
Und ich glaube, genau das war schon immer das Problem eines bestimmten Feminismus: Solidarität wird hier nicht erarbeitet, sondern von oben gewährt – und genauso schnell wieder entzogen, sobald sie etwas kostet.
Autor*in:Anne BonnyRund 15 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Sexarbeit. Neben der eigenen Praxis ist Anne in der politischen Bildungsarbeit aktiv und engagiert sich im Sexarbeitsaktivismus.
