Veröffentlicht wurde der Artikel zuerst im Jahr 2018 in „Z.“ Der Zeitschrift für marxistische Erneuerung.
Niemand käme auf die Idee, die Ehe zu verbieten oder Maßnahmen zu ergreifen, sie einzudämmen. Sie ist grundgesetzlich geschützt und wird auch weltweit in Rechtsordnungen geregelt: In der Europäischen Charta der Grundrechte ist zum Beispiel das „Recht, eine Ehe einzugehen“, festgeschrieben. Sogleich gilt der Schutz der Eheschließungsfreiheit, wie auch die frei gestaltbare Aufgabenverteilung innerhalb der Ehe. Im Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte steht, dass beide Ehegatten gleiche Rechte und Pflichten während der Ehe haben.
Warum sollte man die Ehe verbieten? Folgt man August Bebel, bedingt die Ehe die Prostitution. Und deren Verbot wird von einer neuen abolitionistischen Bewegung in Deutschland gefordert, die sich aus verschiedenen feministischen Kreisen speist – von Teilen der Linken über Terre des Femmes bis zu Alice Schwarzer. Letztere bezeichnet Prostitution als das neben dem Waffen- und Drogenhandel weltweit profitabelste Geschäft. Frauen, die dieser Tätigkeit freiwillig nachgehen, nennt sie geringschätzig Paradeprostituierte.
Bei TdF gibt es eine Minderheitenposition: In einem Offenen Brief heißt es unter anderem:
„Auch hier bewirken Verbote [...] keine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Auch ein Sexkaufverbot [...] wirkt sich negativ auf Sexarbeiter*innen aus, da es ihre Arbeit kriminalisiert und sie deshalb in prekäre Verhältnisse und gefährlichere Situationen bringt.“
Abolitionistinnen fordern ein Sexkaufverbot nach dem schwedischen Modell, das darauf abzielt, die Freier zu bestrafen. Dagegen steht eine akzeptierende Prostitutionspolitik, die auf Selbstermächtigung und Selbstbestimmung der Betroffenen setzt und deren soziale wie sexuelle Rechte einfordert.
Auch pro familia hat sich klar positioniert:
„Ziel muss sein, Prostituierten Respekt entgegenzubringen, sich gegen ihre Ausgrenzung und Stigmatisierung einzusetzen, ihre Rechte zu stärken und ihnen größtmöglichen Schutz zukommen zu lassen.“
Für August Bebel sind Ehe und Prostitution die jeweils beiden Seiten einer Medaille: Die monogamische Ehe beruhe auf bürgerlichen Eigentumsverhältnissen und sei eine Zwangsgemeinschaft. „Die Prostitution wird also zu einer notwendigen sozialen Institution für die bürgerliche Gesellschaft [...]“ [1]
Wer die Prostitution eindämmen will, kommt also nicht umhin, auch die Institution der bürgerlichen Ehe in Frage zu stellen.
Prostitution eindämmen oder verbieten?
Warum sollte Prostitution überhaupt bekämpft werden? Die Abolitionistinnen sind der Auffassung, dass die Mehrzahl der Sexarbeiterinnen traumatisiert sei und nicht freiwillig handele. Erst das Angebot würde die Nachfrage schaffen.
So wird das Bild von „Deutschland als Bordell Europas“ reproduziert. Dem Erfolgsrezept liegt ein simpler psychologischer Effekt zu Grunde: Sex sells – auch in der Negation. Je anrüchiger und brutaler die Darstellung, desto wirksamer der Effekt. Eine lernpsychologische Erkenntnis, derer sich auch die Abolitionistinnen bedienen.
Historiker*innen vermuten die Entstehung der Prostitution vor circa 2.500 Jahren im Zusammenhang mit der Sklaverei. Die wirklichen Anfänge sind schwer zu rekonstruieren, weil die Geschichtsschreibung patriarchalisch geprägt ist und Prostituierte oft mit Kriminellen gleichgestellt wurden.
Auch die Klassiker der Linken hatten Schwierigkeiten mit dem Thema: Für Clara Zetkin gehörten Prostituierte zum Lumpenproletariat, Alexandra Kollontai forderte einen Arbeitszwang zur Befreiung und Karl Marx nannte sie in einem Atemzug mit Vagabunden und Verbrechern. [2]
Das Bild im Kopf bleibt meist statisch: Die Prostituierte als passives Opfer. Dabei sind die Formen der Prostitution vielfältig: Straßenstrich, Escort, Domina-Studios, in Wohnungen oder Hotels. Relativ neu ist sie als Sexualassistenz für Schwerbehinderte oder Ältere.
Das Stereotyp der Prostituierten als Opfer wird durch Massenmedien und TV-Krimis gepflegt. Für Abolitionistinnen sind sogenannte Flatrate-Bordelle der Gipfel des Sexismus. Die ver.di-Sekretärin Emilija Mitrovic sieht darin eher einen Werbegag, der von männlicher Selbstüberschätzung profitiere. [3]
Begriffliche Unschärfen
Bis heute ist die Datenlage mangelhaft. Schätzungen liegen zwischen 200.000 und 400.000 Prostituierten in Deutschland. Ohne Trennschärfe werden Prostitution und Zwangsprostitution oft in einem Atemzug genannt.
Das Strafgesetzbuch kriminalisiert nicht die Ausübung, sondern die Veranlassung (§§ 232ff StGB). Linke Abolitionistinnen wollen den Markt durch Prohibition regulieren und die Nachfrage senken, nehmen dabei aber die Stigmatisierung der Betroffenen in Kauf.
Ein Beispiel für die negativen Folgen solcher Gesetze ist die Kontaktverbotsverordnung aus Hamburg (2012): Faktisch wurden überwiegend die Sexarbeiterinnen bestraft, nicht die Freier. Ein Antrag auf Aufhebung scheiterte 2015.
Image der Prostitution: Paradigmenwechsel
Das Prostitutionsgesetz von 2001 läutete den Paradigmenwechsel ein: vom Schutz vor Prostitution zum Schutz in der Prostitution. Lohn für Sexarbeit wurde erstmals einklagbar. Dennoch blieb das Thema ein Zankapfel im Bundestag, oft instrumentalisiert als Wahlkampfthema.
Neu ist, dass Prostituierte selbst zu Wort kommen, etwa durch Berufsverbände oder Bücher wie „Lieb und teuer“ von Ilan Stephani. Sie betont, dass das gesellschaftliche Stigma das größte Problem sei. Wer über seinen Beruf schweigen muss, kann sich schwerer organisieren und Gewalt seltener anzeigen. [7]
Entkriminalisierung der Prostitution
Selbst Amnesty International fordert die Entkriminalisierung, da Prostituierte zu den am meisten marginalisierten Gruppen gehören. Aus gesundheitspolitischer Sicht führen Verbote in die Illegalität und erschweren die Prävention. Ein Drittel der HIV-Ansteckungen könnte vermieden werden, wäre Prostitution entkriminalisiert.
Dies gilt auch für die Drogenprostitution. Professorin Kathrin Schrader argumentiert, dass eine staatlich kontrollierte Abgabe von Drogen die wirtschaftliche Notlage und damit den Zwang zur Prostitution unter schlechtesten Bedingungen lindern würde. [8]
In der Bundestagsfraktion DIE LINKE gibt es die Haltung „Rechte statt Repression“. Kritisiert wird die stete Vermischung von Sexarbeit mit Menschenhandel. Die Statistik „Bundeslagebild Menschenhandel“ zeigt zudem eher sinkende Opferzahlen, wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. [9]
Prostitution als Care-Arbeit?
Ein zentraler Punkt ist das Verhältnis zum Arbeitsbegriff. Tätigkeiten im Haushalt oder in der Pflege haben oft eine geringe gesellschaftliche Wertigkeit. Kann Sex Teil dieser Care-Arbeit sein?
Aktivistinnen der „Care-Revolution“ argumentieren, dass Sexualassistenz für Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Alter keine anderen Möglichkeiten haben, durchaus als notwendige Fürsorge („Care“) zu verstehen ist. [10]
Es geht um einen emanzipatorischen Ansatz
Ehelicher Beischlaf wurde lange als Pflicht angesehen; Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar. Wenn man Sex als Teil des reproduktiven Bereichs ansieht, kann er auch als professionelle Dienstleistung entkoppelt werden.
Wer Prostitution verbieten will, verlässt sich auf den bürgerlichen Repressionsapparat. Dieser agiert jedoch oft patriarchalisch und ordnungspolitisch. Ein Bündnis mit klerikalen Kreisen, die auch gegen Homosexualität oder Abtreibung sind, leistet dem Sexismus eher Vorschub.
Der linksfeministische Anspruch muss daher auf die Selbstermächtigung der Betroffenen zielen. Menschen zu ermutigen, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen, ist ein emanzipatorischer Ansatz, zu dem es aus linker Sicht keine Alternative gibt.
Quellen:
- [1] August Bebel, Die Frau und der Sozialismus, Berlin 1964, S. 208.
- [2] Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, MEW 23, Berlin (DDR) 1976, S. 673.
- [3] https://taz.de/Verdi-Expertin-ueber-Flatrate-Bordelle/!5159016/
- [4] https://www.emma.de/unterzeichnen-der-appell-gegen-prostitution-311923
- [5] Katharina Sass (Hg.), Mythos „Sexarbeit“. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf, Köln 2017.
- [6] Lothar Peter, Kritik des Mythos „Sexarbeit“, in: Z 112, Dezember 2017, S. 105-109.
- [7] Ilan Stephani, Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe, Salzburg/München 2017.
- [8] Prof. Kathrin Schrader, Drogenprostitution: Eine intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen (Diss. TU Hamburg), Bielefeld 2013.
- [9] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de)
- [10] http://www.bzw-weiterdenken.de/2015/12/sexarbeit-und-care/
- [11] https://www.marx21.de/debatte-prostitution/
Autor*in:Kersten ArtusJournalistin, Vorsitzende Pro Familia Hamburg, MdHB 2008-2015, Trauerrednerin, Aktivistin Pro Choice, Mitfrau bei Ragazza e.V.
