Hast Du beim Lesen der Überschrift gedacht: Rant incoming? Ja, nein, so einfach ist es nicht. Wie so vieles in der Debatte über Sexarbeit ist, wenn es um Freier, SWERFs und TERFs geht, ist wenig eindeutig.
Erstens: SWERF – TERF – „alle Freier sind Täter“
Ich vermeide die Begriffe SWERF & TERF. Warum? Wie alle Fremdbezeichnungen können sie Widerstand auslösen und erzeugen den Eindruck, ALLE mit diesem Begriff belegten Personen sind genau gleich radikal und menschenfeindlich eingestellt. Und das stimmt nicht: Für Sexarbeitsfeindlichkeit gilt: There are many shades of sexarbeitsfeindlich. Doch zunächst: Um welches und wessen Ressentiment dreht sich dieser Text über Verallgemeinerungen und Parolen?
Die Begriffe SWERF & TERF bezeichnen Radikale Feminist*innen, die folgende: Gruppen ausschließen (excluden). SW steht für Sexarbeiter*innen, T für trans, nicht-binäre und inter Personen. Unsere Communities, die sich überschneiden, schließt die Frauen-RECHTS-Bewegung (ich mag’s nicht Feminismus nennen) aus. Doch dabei bleibt es nicht. Sie attackiert uns als Verantwortliche, Bedrohungsszenarien und erklärt uns immer wieder direkt oder indirekt zu Täter*innen. Die Frauen-RECHTS-Bewegung besteht aus Radikalfeminist*innen, weißen Feminist*innen (oft 2. Welle), die zur Erreichung ihrer Ziele gemeinsame Sache mit der Frauenunion machen, keine Berührungsängste mit christlichen „Rettungs“-Projekten haben. Auch Verbindungen in die extreme Rechte kommen vor. Ultramoralisierend, aggressiv und bestens in Politik & Medien vernetzt dreht sich die inhaltliche Agenda der Frauen-RECHTS-Bewegung um sexuelle & geschlechtliche Selbstbestimmung (pfui), „Kopftuch“, „Stadtbild“, „Ware Frau“ (pfui-pfui) und Leihmutterschaft. Egal, was die Fundis und die aus der Frauenunion zum § 218 sagen, Hauptsache, die gemeinsamen Kampagnen und Mobilisationen bei den Themen Selbstbestimmungsgesetz und ProstSchG verfangen.
Zwischen ausschließen und angreifen ist Raum für viele Graustufen und Motivationen. Und lang bevor gehandelt wird, gibt es das Gefühl von Ressentiment (Abneigung). Ich möchte gern glauben: ein Teil solcher Feindseligkeit entsteht aus Unwissenheit und fehlender Aufklärung. Eingangs sagte ich, ich nutze die Begriffe SWERF & TERF eigentlich nicht: Ich will Schwarzer, Bell oder Klöckner nicht verharmlosen. Und das ist das Problem mit diesen Begriffen: Sie verhindern eine genaue Beschreibung, wie aggressiv deren politische Kampagnen gegen Selbstbestimmung und Arbeiter*innenrechte von Sexarbeiter*innen sind. Und warum sie damit, oberflächlich betrachtet, erfolgreich sind.
Happy Place: Gemütlich am Lagerfeuer der Sexarbeitsfeindlichkeit
Die deutsche Debatte über Sexarbeit und Menschenhandel ist seit Jahren ein happy place für Gewalt gegen marginalisierte Menschen. Verhältnisse werden dort skandalisiert – aber nicht erklärt. Dort wird jeder populistische Satz - egal welcher Politiker*in - medial zigtausendfach breitgetreten. Stimmen von Sexarbeiter*innen sind viel seltener und werden verkürzt, so dass wichtige Aspekte nicht benannt werden können. Damit fehlen sie in der Debatte. Das ist eine kaputte Debatte. Ich nenn‘ das Prostitutionstheater.
Parolen und pauschale Urteile
Personen aus der Frauen-RECHTS-Bewegung mögen keine Kritik. Klagen gegen die Bezeichnung als TERF illustrieren das. Bemerkenswert dabei: Für Sexarbeiter*innen, akzeptierende Beratung und, derzeit besonders gern: für Sexarbeits-Kund*innen („Freier“), haben diese Personen nur wütende Parolen und Vorwürfe übrig. Aus diesen Parolen spricht Wahrheitsanspruch, Aggressivität – der Raum für Begreifen, Analyse oder Widersprüche verpufft. Davon ist die Online und Offline-Debatte voll: Täter & Opfer.
Wie das ist, zum perp (Täter) gemacht zu werden
Ich hab‘ das selbst erlebt: 2022 war ich als Sachverständige im Sozialausschuss des Bayerischen Landtag in München. Am Ende der Sitzung stand eine gut bekannte Person aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung auf, zeigte auf mich und rief: „Da sitzt die Prostitutionslobby.“ Es war dieser Moment, an dem ich verstand, was eine Täter-Opfer-Umkehr wirklich ist. Sich dagegen zur Wehr zu setzen, hat mich viel gekostet. Wie gesagt, die Frauen-RECHTS-Bewegung verbittet sich Kritik, notfalls auch per Klage.
Was macht eine solche Diffamierung mit der Realität, in der Sexarbeiter*innen seit jeher die Unerwünschten oder das „notwendige Übel“ sind? Eine Stadt wie München, wo der Sozialausschuss stattfand, ist für uns im Grunde eine einzige Verbotszone (Sperrbezirk). Dort spielt unsere Würde keine Rolle, wir sind entbehrlich, bedrohlich, ein Ärgernis. Uns dort als „Prostitutionslobby“ zu diffamieren, das ist eine Täter-Opfer-Umkehr erster Güte. Wer aus eigener Betroffenheit und Erleben aufsteht, um etwas gegen Sexarbeitsfeindlichkeit zu tun, wird durch die Frauen-RECHTS-Bewegung einer machtvollen, vernetzten Elite mit skandalösen und skrupellosen Gewinnabsichten zugerechnet, immun gegen Leid und Ausbeutung zahlloser Opfer. Wir werden zu einer Stütze oder Mitglied eines Täternetzwerks (bewusst nicht gegendert) GEMACHT. Bitter. So bitter. Und so falsch.
Seit 2022 ist die Debatte nicht sachlicher geworden. Derzeit populär in der Frauen-RECHTS-Bewegung ist die Parole: „Freier sind keine Genossen“ oder „Alle Freier sind Täter.“
Don’t be mistaken: Ich springe nicht für Kund*innen in die Bresche. Zu oft bin ich ernüchtert und sauer, wie Kunden (wieder bewusst ohne *) sich öffentlich äußern. Dann ziehe ich schon mal vorsorglich den Kopf ein, denn am Ende schadet es uns, den Sexarbeiter*innen. Deswegen formuliere ich es so:
Ohne Kund*innen keine Lohnarbeit!
Die Parole „Freier sind Täter“ schließt Konsens/Einwilligung im Sinne eines Tauschgeschäfts (sexuelle Handlungen gegen Geld) komplett aus. Sie macht aus Arbeit ein Gewaltverhältnis, weil, und das ist wichtig, Menschen mit Diskursmacht und Privilegien, DAS SO SAGEN. Was die handelnden Personen denken - tut gar nichts mehr zur Sache. Punkt. Aus. Basta.
Wie entsteht eine solche Parole – und warum übernehmen linke Menschen sie?
- Ihr Wahrheitsanspruch ist gefühlt – statt durch Recherche & Belege validiert. Sie fühlt sich für die, die sie benutzen gut an, kompromisslos, entschlossen - enthemmt.
- Sie macht aus einer Ansicht oder Vermutung („Ich finde, alle Freier sind Täter.“ oder „Alle könnten Täter sein.“) eine scheinbar unumstrittene Tatsache („Alle sind Täter“).
- Wer diese Parole nutzt, muss sich keiner Diskussion mehr stellen. Sie entlastet, vermittelt Entschlossenheit. Das Beste: Diskussionen sind jetzt überflüssig.
All das geschieht einfach durch das Wesen der Parole. Aktuell wird diese Parole in eine Debatte mit Panikdrall und Hang zur Forderung symbolpolitischer Verbote (Sexkaufverbot, Saunaverbot, etc.) geschleudert. Das Ergebnis: Zu besichtigen z.B. in Schweden oder Frankreich, wo soziale Ächtung und Sanktionen zunächst und vorgeblich gegen Kunden (sic!) gerichtet sind. Aber eigentlich sind wir gemeint: Die Sexarbeiter*innen. Und uns treffen sie genauso.
Erst die Kund*innen – dann kommt die Hure auch noch dran
Mir machen solche selbstgewissen Parolen Angst. Parolen wie diese enthemmen und normalisieren Feindseligkeit, statt Sachlichkeit zu ermöglichen. Manchmal tauchen im Vorfeld von meinen Veranstaltungen Graffitis, wie „Jede Kugel ein Freier“ auf. Das greift auch mich und meine Arbeit an. Ich werde damit als lib-fem Patriarchatsfan diffamiert, als Täterschützer*in, Freierfreund*in, verkommenes Stück. Wenn ich schon nicht aufs Maul bekomme, dann signalisieren solche Parolen dennoch deutliche Gewaltbereitschaft und Enthemmung. Und das hat Tradition bei diesen Themen:
Die umstrittene Publizistin Julie Burchill (*1959), strikte Gegnerin von Sexarbeit, geschlechtlicher Selbstbestimmung und „Wokeness“ schrieb bereits 1986:
„When the sex war is won prostitutes should be shot as collaborators for their terrible betrayal of all women (…)“
was frei übersetzt heißt:
„Wenn der Geschlechterkrieg gewonnen ist, sollten Prostituierte als Kollaborateure erschossen werden, wegen ihres schrecklichen Verrats an allen Frauen...“
Fazit
Liebe Genoss*innen,
Parolen, wie „Freier sind keine Genossen.“ helfen nicht, wenn es um Arbeiter*innensolidarität geht. Sexarbeiter*innen brauchen Eure Solidarität! Dringend. Aber: Solidarität kennt keine Abkürzung. Und Solidarität ist nie Aufruf zu Gewalt. Wir fordern Arbeitsrechte, menschliche Migrationspolitik und Abbau von Diskriminierung.
Setzt mit uns zusammen ein starkes Zeichen gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen und für die Menschenwürde von Sexarbeiter*innen. Parolen helfen nicht weiter. Aber reden mit uns tut es. Bitte solidarisiert Euch mit uns, unterstützt die LINKE für Selbstbestimmung und setzt ein Zeichen gegen Gewalt und Ausschluss.
Autor*in:Ruby RebeldeRuby ist Sexarbeiter*in und Autor*in. 2025 erschien Rubys Buch "Warum sie uns hassen - Sexarbeitsfeindlichkeit". Ruby engagiert sich gegen die extreme Rechte, christlichen Fundamentalismus und die Frauen-RECHTS-Bewegung. Seit 2023 führt der Verein Sisters e.V. ein Verfahren gegen Ruby - bitte hier spenden (Link).
