Ausschluss, Kink und Überleben - Queers in der Sexarbeit

Glaubt man dem Gerede der Frauenunion oder dubiosen Sozialhilfevereinen mit missionarischem Hintergrund, handelt es sich bei der Debatte um Sexarbeit in erster Linie um ein Frauenthema. Um das zu unterstreichen wird gern hervorgehoben, dass sowieso die meisten Sexarbeiter*innen Frauen seien, während es sich bei den meisten Kund*innen um Männer handle. Aus diesen Fakten wird sodann auf den patriarchalen Charakter von Sexarbeit geschlossen. Die Debatte um Sexarbeit wird so zu einem binären Geschlechterdiskurs.

Dabei wird einiges unterschlagen. Zum einen gibt es natürlich auch schwule Männer, die einer Tätigkeit in der Sexarbeit nachgehen. Eine besondere Rolle spielt Sexarbeit aber schon lange für trans* und nicht-binäre Communities. Sichtbar queere Menschen erleben auf dem Jobmarkt ein erhebliches Maß an Diskriminierung. Das „D“ in den Jobanzeigen hat dieses Problem nicht gelöst.

Gleichzeitig sind Trans-Personen Teil zahlreicher sexueller Fantasien auch von Leuten, die sich für höchstgradig heterosexuell und monogam halten. Diese Faszination scheint mit transfeindlichen Kampagnen in Politik und Medien tendenziell sogar zuzunehmen. Das zumindest legen Daten über Transporn nahe, die PornHub regelmäßig veröffentlicht. Steigende gesellschaftliche Diskriminierung geht hier also mit einer steigenden Nachfrage nach Sexarbeit einher.

Auch androgyne und nicht-binäre Körper, die leicht jünger aussehen können als sie eigentlich sind, sind unter Kund*innen gefragt. Spricht man über solche sexuellen Fantasien, dann meistens kritisch: als fragwürdige Fetischisierungen. Und ethisch betrachtet nicht unbedingt zu Unrecht. Wer darauf aber mit Verboten reagieren will, ersetzt Kritik durch unreflektierten Aktionismus.

Dass die zunehmende Diskriminierung von Queers mit einer steigenden Nachfrage nach queerer Sexarbeit korreliert, heißt nicht, dass auch das Gegenteil wahr ist. Eine durch Repression gesenkte Nachfrage baut keine Diskriminierungen ab. Schlimmer noch: Sie schafft eine Stigmatisierung von Sexarbeit, die auch transfeindliche Vorstellungen verstärkt. Vor allem dann, wenn Transpersonen sowieso schon mit Sexarbeit assoziiert werden. Paternalismus löst keine Probleme. Und Maternalismus auch nicht.

Soziale Veränderungen sind mehr Arbeit als ein moralisch begründetes Verbot. Sie benötigen solidarische Bewegungen, kulturelle Veränderung und vor allem soziale Rechte und Respekt für alle Arbeiter*innen.

Populismus und Mythos der Elite

Ein anderes Problem in der Debatte um queere Sexarbeit liegt in der populistischen Idee, Queerness habe etwas mit Eliten zu tun. Diese Assoziation hat eine große Geschichte – man denke an alte Diskussionen um Dekadenz oder Mythen über, gerne auch orientalisch konnotierte Orgien, aber z.B. auch an das Geraune um Gender Studies und Elite-Unis, das sich durch neuere Formen von Queerfeindlichkeit zieht.

Entsprechende Ideen fügen sich gut in Verschwörungserzählungen um eine mächtige „Prostitutionslobby“. Mit der Realität hat das Ganze leider wenig zu tun. Sieht man sich die empirischen Erhebungen aus der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes an – die besten die wir eben haben – zeigt sich das Gegenteil.

Trans und nicht-binäre Personen sind gerade in vulnerableren Sparten der Sexarbeit überrepräsentiert. Hier stellen sie zwischen 8,5 und 19,7% der Befragten. In der am wenigsten vulnerablen Gruppe stellen trans und nicht-binäre Personen nur 3,3%. In dieser vergleichsweise privilegierten Gruppe – und nicht bei den vulnerableren, die auch von Gewalt- und Kriminalitätserfahrungen berichten – ist das Vertrauen in die Polizei am größten.

Queere Sexarbeiter*innen sind alles andere als eine Elite oder Lobby. Und auch die Sexarbeiter*innen, die keine Erfahrungen mit Gewalt oder Kriminalität haben, sind das nicht. Die Linke darf sich von Narrativen, die Arbeiter*innen gegen Arbeiter*innen aufbringen und als Lösung die Polizei präsentieren, nicht spalten lassen.

Wir brauchen keine Linke gegen Prostitution, sondern eine Linke der Solidarität zwischen Arbeiter*innen unterschiedlicher Hintergründe. Und das schließt queere Sexarbeit ein.

Zoe

Autor*in:ZoeTransfeministin, Journalistin, Vorstand Selbstbestimmung Selbstgemacht e.V., Mitglied Gesellschaft für Sexarbeits- und Prositutionsforschung